Demokratie und demokratischen Handeln ist keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das täglich von Menschen auf Augenhöhe hergestellt wird. Insbesondere in einer Zeit der weltweiten Krisen und dem vermehrten Aufkommen von Konflikten muss Demokratie (er-)lebbar bleiben. Doch wie funktioniert das vor der Haustür, im eigenen Stadtteil? Das erprobt das Innovationsprojekt „DeMo“ mit inhaltlicher Tiefe und kreativen Ansätzen.
Die Arbeit von DeMo – kurz für Demokratie Mobilisieren – findet in drei Plattenbau Siedlungen statt, in denen zehntausende Menschen leben: In Magdeburg-Neu Olvenstedt, Stendal Stadtsee und Halle Silberhöhe. Die Stadtteile sind seit der Wende von massiven Umbrüchen geprägt. Seit 1990 haben sie bis zu zweidrittel ihrer Einwohner*innen durch Wegzüge verloren: Riesige Hochhauszüge mussten zurückgebaut werden und die Zusammensetzung der Bewohner*innenschaft hat sich deutlich verändert. Diese Transformation war für die Menschen vor Ort nicht einfach: Viele beklagen soziale Vereinsamung, das Wegbrechen von gemeinschaftsschaffenden Strukturen und Orten des spontanen sozialen Zusammenkommens. Die Stimmung in den Vierteln hätte sich nach der Wende spürbar verändert.
Doch auch wenn viele – insbesondere jüngere Menschen weggezogen sind – ist die heutige Bewohnerschaft sehr heterogen. Ganz unterschiedliche Menschen leben und gestalten die Viertel: So hat Stendal Stadtsee beispielsweise eine der größten Moscheen im Einzugsgebiet und in Magdeburg Neu Olvenstedt versorgt der Orienta-Supermarkt die Anwohnenden mit frischen Lebensmitteln. Alle Stadtteile haben Einkaufszentren mit Plätzen vor denen häufig Leute sitzen. Es gibt chinesische und syrische Imbisse, deutsche Kneipen und Restaurants und sogar eine nigerianische Bar. Wer durch die Viertel läuft, stellt fest: Hier gibt es nach wie vor viel Potential für Nachbarschaftlichkeit, Internationalisierung und eine gemeinsame Arbeit an der demokratischen Gesellschaft von morgen. Es braucht aber Orte, wo Menschen zusammenkommen, und miteinander sprechen können ohne, dass sie etwas kaufen oder konsumieren.
Hier setzt das Projekt an. Durch kostenlose Nachbarschaftscafés, kreative Kunstaktionen, offene Koch-Treffs, Kinoabende oder Zeitungstreffs. Außerdem durch Exkursionen – beispielsweise zu Gedenkstätten oder in Theater und Museen – und die Nutzung unterschiedlicher lokaler Angebote zur politischen Teilhabe. So wird Demokratie und Teilhabe fühlbar– für alle die Lust haben mitzumachen und die sich in ihrem Stadtteil einbringen wollen.
Die Idee dahinter ist ein Ansatz der Gemeinwesenarbeit – das Transformative Organizing. Indem Menschen wieder das Gefühl bekommen ihre Lebenswelt aktiv mitzugestalten, gewinnen sie Vertrauen in politische Institutionen und Entscheidungsprozesse. Das ist insbesondere in Regionen wichtig, in denen das Vertrauen durch unterschiedliche Faktoren, aber eben auch durch die großen Transformationserfahrungen der letzten 25 Jahre geschwächt wurde. Dabei setzt der Ansatz nah an der Lebensrealität der Menschen vor Ort an und rückt die Themen in den Mittelpunkt, die ihnen wichtig sind. Dabei ist kein Thema zu „klein“. Das Projekt und seine Ziele werden von den Menschen vor Ort inhaltlich gestaltet und Projektorganisation und Teilnehmende lernen gegenseitig voneinander.
So wurde im ersten Jahr des Projekts – neben vielen anderen Aktionen – ein auf Initiative einer Bewohnerin entstandenes Nachbarschaftsgartenprojekt „Garten für alle“ unterstützt und ein offener Kochtreff etabliert, der die internationale reichhaltige Küche aus dem Viertel leiblich erfahrbar macht. Weiterhin wurde der Orienta Supermarkt in Neu Olvenstedt mit einem großartigen bunten „Vielfalt-Wandbild“ verschönert, nachdem der beliebte Laden Opfer von rassistischen Schmierereien geworden war. Die Aktion in Kooperation mit unterschiedlichen Initiativen stand unter dem Titel „Kunst und Kekse statt Hass“.
Das Projekt bringt immer wieder Menschen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammen: Bewohner*innen, die schon seit der Gründung der Siedlungen dort wohnen mit jungen Familie, die erst 2015 nach Deutschland gekommen sind, junge und ältere Menschen, Menschen mit Handicaps und ohne und Menschen mit unterschiedlichen Bildungs- und Erwerbsbiografien. Dabei macht den Erfolg des Projektes aus, dass es nicht „von außen“ kommt, sondern eng mit den Quartiers-Managements vor Ort kooperiert, die jahrzehntelange Erfahrung in der Sozialen Arbeit in den Stadtvierteln mitbringen. Außerdem bindet das Projekt Ehrenamtliche in die Arbeit mit ein.
Im Spätsommer 2025 machte das Projekt auf Wunsch von Teilnehmenden einen Besuch bei Karls Erdbeerhof. Zusätzlich wurde ein Experte zum Thema „Arbeitsmigration in der Erdbeerernte“ eingeladen. Dieser ging mit den Teilnehmenden in den Dialog über ihre eigenen Erfahrungen in der Landwirtschaft sowie über Ortswechsel und berichtete, ausgehend von ihren Impulsen, anschließend von der Arbeitsrealität in der heutigen Obstproduktion. Die Teilnehmenden diskutierten emphatisch, berichteten von eigenen Erfahrungen und Sehnsüchten. Dabei kamen auch Unterschiede zwischen Erdbeeren aus unterschiedlichen Ländern zur Sprache. In solchen Momenten des „Miteinander-in-den-Dialog-Kommens“ und des „Voneinander-Lernens“ entsteht Demokratie und ein Verständnis demokratischer Werte viel eher als in einem Vortrag, der an der Lebensrealität der Teilnehmenden vorbei geht. Demokratie und demokratisches Handeln im Projekt entsteht, wenn ausgehandelt wird, welche Aktionen im Jahr umgesetzt werden, wer die Lebensmittel für den Koch-Treff kauft, welche Exkursionen geplant und welche inhaltlichen Themen gesetzt werden. All das erprobt DeMo bis Ende 2028 – mit der Hoffnung auf anschließende Verlängerung. Denn das Wachsen demokratischer Prozesse und die Förderung demokratischen Potentials braucht Zeit, eine emphatische Haltung und Resilienz um sich lokal verstetigen und wachsen zu können.
Dr. Laura Litschel ist Projektleiterin von DeMo, einem Kooperationsprojekt der AWO SPI, des Internationalen Bund, der SozialStärken gGmbH und dem Institut für Demokratische Kultur – initiiert wurde das Projekt von den letzten beiden Trägern. Sie setzt sich für Demokratie und die politische Beteiligung aller Menschen ein.



