Wie kann Demokratie erlebbar gemacht werden und gegen Politikverdrossenheit und ähnliche Gefühle ankämpfen? Diese Frage haben sich auch die Robert Bosch Stiftung und der Bundesverband Soziokultur gestellt. Ihre Antwort sind Allzeitorte. Was es damit auf sich hat, erklärt uns Barbara Bichler als Projektleiterin der Allzeitorte.
Was war der Beweggrund hinter dem Projekt „Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen“?
Vielleicht kennen das die Leser*innen: Politische Prozesse wirken für dich weit weg, du hast das Gefühl, niemand hört dir in der Politik wirklich zu, oder du kennst jemanden, dem es so geht. Wenn Menschen so empfinden, kann das Vertrauen in Demokratie schwinden.
Genau da setzte „Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen“ an: Demokratie soll nicht nur im Parlament, sondern im Alltag erlebbar werden. Das Programm gestalten wir vom Bundesverband Soziokultur gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung. Wir glauben, dass Vertrauen in Demokratie wächst, wenn Menschen im täglichen Leben erfahren, dass sie etwas bewirken können – nicht irgendwo abstrakt, sondern vor Ort, dort, wo du ohnehin schon bist. Menschen sollten erleben, dass ihre Stimme zählt und dass Mitgestaltung möglich ist, weil Demokratie dort stark wird, wo sie gelebt und nicht nur erklärt wird.
Was genau beinhaltet das Projekt „Allzeitorte“?
Bei Allzeitorte wirken drei Bereiche zusammen und bilden ein Trio: Ein Alltags- oder Freizeitort, Soziokultur und politische Bildung.
Die Soziokultur bringt Menschen zusammen, lädt ihre Expertisen ein und eröffnet mit künstlerischen Mitteln neue Begegnungsräume. Das Motto der Soziokultur ist sehr demokratisch: „Kultur von allen, für alle“. Bei Allzeitorte ist auch ein anderer Aspekt wichtig: Soziokulturelle Zentren entstanden oft in ehemaligen Schlachthöfen, alten Bahnhöfen oder Fabriken. Die wurden in Kulturzentren umgewandelt, in denen jede*r mitmachen konnte und kann. Das ist ganz nah an dem, was die Allzeitorte ja auch tun.
Die Fachleute aus der politischen Bildung und der Soziokultur haben viele Formate und Methoden, wie man auf künstlerische, einladende Weise gemeinsam mit unterschiedlichen Menschen Ideen entwickelt, was das Zusammenleben besser machen könnte und wie man Schritte dafür selbst in die Hand nimmt. Die Trios bauen also Formate, mit denen die Menschen, die sich an diesem Alltags- oder Freizeitort aufhalten, motiviert werden, den Ort zu einem langfristigen Treffpunkt umzugestalten. Dort können sich im Idealfall dann alle treffen, ihre Meinungen austauschen und mitbestimmen. So erleben sie, dass demokratisches Miteinander auch im Kleinen etwas bewirken kann – das ist unser Ziel.
Könnt ihr ein paar Beispielumsetzungen nennen?
Die Vielfalt der Allzeitorte – ob das ein Drogeriemarkt ist oder eine Shisha-Bar, ein Freibad oder ein Fitnessstudio – ist ein zentraler Teil des Programms. Drei Beispiele aus der Praxis zeigen wunderbar, wie Demokratie in den Alltag integriert wurde:
Garten-Café „Wollen wir reden?“ (Neuruppin): Aus einem Gemeinschaftsgarten wurde ein wöchentlicher Treffpunkt, an dem Nachbar*innen bei Kaffee und Kuchen über Themen aus dem Viertel sprachen, ein Fotoprojekt machten oder Ideen für den Bürgerhaushalt entwickelten.
„Herz zu Herz“ im Friseursalon (Netphen): Am Salon „Hair by Grazia“ führten kreative und dialogische Aktionen dazu, dass Menschen verschiedenster Hintergründe Kontakte knüpften und Ehrenamtliche wieder motiviert wurden, sich zu engagieren. Sie gestalteten u.a. ein Wasserhäuschen im Dorf gemeinsam um und initiierten das Qafé Herzlich, ein monatlicher Treff im soziokulturellen Zentrum Q, das gleich um die Ecke des Salons liegt.
„Kleider.Machen.Leute“ (Königstein): Eine Kleiderstube wurde zum Ort für Austausch, Kreativität und gemeinsames Lernen. Menschen brachten Ideen ein – vom Nähkurs bis zur Zukunftswerkstatt – und stärkten damit ihre Gemeinschaft.
Weitere Projekte beschäftigten sich z. B. mit der politischen Beteiligung von Menschen mit Behinderungen oder dokumentierten lokale Geschichten in partizipativen Hörproduktionen – immer mit dem Ziel, Menschen zusammenzubringen und ihre Stimmen zu stärken.
Gibt es schon erste Erkenntnisse, wie erfolgreich das Projekt war?
Unsere Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Trios und auch die begleitende wissenschaftliche Evaluation haben gezeigt, dass der Ansatz auf mehreren Ebenen wirkt. Alltagsorte können zu Resonanzräumen werden, in denen Demokratie erlebbar wird, weil Begegnung, Austausch und gemeinsames Handeln möglich sind. Menschen konnten ihre Perspektiven teilen oder auch mal den Blickwinkel wechseln und zu gemeinsamen Entscheidungen kommen. All das halten wir für wichtig im demokratischen Zusammenleben.
Auch wissenschaftlich wurde das Projekt begleitet, um zu verstehen, ob das, was wir uns vorgenommen haben, funktioniert. Es zeigte das Potential in dem Projekt. Gleichzeitig fanden wir dadurch heraus, dass echte Veränderung Zeit, Beziehungsarbeit und flexible Strukturen braucht. Nicht an jedem Ort konnten stabile Gruppen entstehen, aber überall wurde klar: Wenn Räume für partizipatives Lernen, Zuhören und Kooperation geschaffen werden, dann öffnen sich neue Zugänge zur Demokratie.
Deshalb haben wir eine neue Ausschreibung aufgelegt. Darin können die zukünftigen Projekte vor Ort drei Jahre lang ihren Allzeitort aufbauen. Wir freuen uns schon sehr darauf, welche Projekt-Trios sich bewerben!
Wie trägt das Projekt zur Stärkung der Demokratie bei?
Allzeitorte stärkt Demokratie, weil es zeigt: Demokratie ist nicht nur etwas, das Politiker*innen machen oder was wir beim Wählen alle vier Jahre abhaken. Sie entsteht im Alltag, in Begegnung und im gemeinsamen Lösen von Aufgaben. Wenn du in einem Café, im Verein oder an einem Ort deines Alltags merkst, dass du mit Menschen verschiedenster Perspektiven zusammenkommst, ihr einander zuhört und zusammen etwas bewegt – egal ob ihr gemeinsam den Platz vor dem Café umgestaltet oder im Verein festlegt, wie der Vorsitz rotieren soll, so dass alle einmal drankommen – dann wächst Vertrauen. Es wächst in sich selbst, in anderen und in der demokratischen Praxis. Genau dieses Vertrauen ist zentral, um politisches Engagement und politische Teilhabe von unten zu stärken und Polarisierung entgegenzuwirken.
Insgesamt macht Allzeitorte Demokratie spürbar und persönlich – und zeigt, dass Demokratie stark wird, wenn Menschen selbst erfahren, dass ihre Stimme Gewicht hat und ihre Ideen gehört werden.

Barbara Bichler leitet beim Bundesverband Soziokultur das Programm Allzeitorte – Gemeinsam mehr bewegen, ein gemeinsames Förderprogramm der Robert Bosch Stiftung und des Bundesverbands Soziokultur. Das Programm unterstützt Kooperationsprojekte aus Soziokultur, politischer Bildung und einem Alltags- bzw. Freizeitort zu Maßnahmen der Demokratiestärkung. Derzeit bereitet das Team Allzeitorte die kommende Ausschreibung vor, die am 2. März starten wird. Bis zum 17. Mai 2026 können sich Trios für eine Förderung bewerben.



