Freitag, 20. Februar 2026

Stadt als Labor

Demokratie direkt

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Was passiert, wenn Bürger*innen selbst zu Forschenden werden? Wenn die Stadt nicht nur Wohn- und Arbeitsort, sondern auch Labor, Denkraum und Datenquelle ist? Das Projekt „Nürnberg forscht – Citizen Science in der vielfältigen Stadtgesellschaft“ zeigt, wie Citizen Science (Bürgerwissenschaften) neue Perspektiven für Städte, Verwaltung und Gesellschaft eröffnet.

Nürnberg ist eine Stadt gelebter Vielfalt. Als superdiverse Kommune mit einer Bevölkerung aus über 170 Nationen steht Nürnberg exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen einer inklusiven Stadtentwicklung. Im Zentrum von Nürnberg forscht steht die Idee, dass Forschung kein Elfenbeinturm sein muss. Stattdessen werden Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte eingeladen, aktiv an wissenschaftlichen Fragestellungen zum Thema Migration, Teilhabe und Zusammenleben mitzuarbeiten – mit ihren Beobachtungen, Interessen und Alltagserfahrungen. Das Ziel: Wissen aus der Stadtgesellschaft selbst zu gewinnen, Impulse an die Kommunalpolitik zu geben und den Dialog sowie Sensibilität zu migrationsspezifischen Themen zu fördern.

Forschung aus der Stadt heraus – für alle

Im Gegensatz zur klassischen Forschung, die oft losgelöst vom Lebensalltag agiert, verknüpft Citizen Science wissenschaftliche Methoden mit konkreten Bedürfnissen vor Ort. Wer weiß besser, wo es im Alltag hakt, welche Themen die Menschen bewegen oder welche Daten fehlen, als die Bürger*innen selbst?

Im Projekt Nürnberg forscht entwickeln Mitforschende eigene Fragestellungen, erheben Daten, analysieren Ergebnisse und teilen ihre Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit. Dabei entstehen neue Einsichten – und ein verändertes Verhältnis zur eigenen Stadt.

Vier Forschungsgruppen untersuchen über drei Jahre hinweg gesellschaftlich relevante Themen, darunter Rassismus, Frauengesundheit, kulturelle Vielfalt und politische Teilhabe. Eine Gruppe befasste sich beispielsweise mit der Frage, wie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte auf lokaler Ebene politisch mitgestalten – und wo sie auf Hürden stoßen. Dazu führten die Mitforschenden Interviews mit Politiker*innen, die teils selbst zugewandert sind, und befragten in einer Online-Umfrage Nürnberger*innen mit Zuwanderungsgeschichte nach ihrem politischen Engagement. Die Ergebnisse wurden Ende Juli in einem Fachgespräch mit dem Oberbürgermeister und der Vizepräsidentin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorgestellt und anschließend in der Nürnberger Kommission für Integration präsentiert.

Verwaltung als Ermöglicherin

Für die öffentliche Verwaltung eröffnet Citizen Science neue Möglichkeiten: Sie kann helfen, Anliegen besser zu verstehen und Prozesse partizipativer zu gestalten – nicht zuletzt, weil sie Perspektiven einbezieht, die sonst oft übersehen werden. Wenn Bürger*innen erleben, dass ihre Expertise gefragt ist, stärkt das Vertrauen in Institutionen. Planung, Kommunikation und Entscheidungsprozesse können transparenter und inklusiver werden.

Zukunft gestalten mit Citizen Science

„Nürnberg forscht“ ist mehr als ein Forschungsprojekt: es ist eine Plattform für Teilhabe, Reflexion und Empowerment. Es zeigt, dass Citizen Science, wenn sie gut begleitet und wertschätzend gestaltet ist, einen echten Mehrwert für Verwaltung, Stadtgesellschaft, Politik und Wissenschaft bieten kann – durch neue Sichtweisen, tieferes Verständnis und konkrete Impulse für kommunale Maßnahmen und weiterführende Studien.

Projektträger und Förderung
Das Bildungsbüro der Stadt Nürnberg verantwortet im Geschäftsbereich des Oberbürgermeisters das kommunale Bildungsmanagement und setzt regelmäßig drittmittelfinanzierte Bildungsprojekte um. In Nürnberg forscht übernimmt es die Projektkoordination und wissenschaftliche Begleitung. Die Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg – eine katholische Bildungseinrichtung für Jugendliche und Erwachsene – ist Kooperations- und Praxispartnerin in der pädagogischen Begleitung des Projekts. Gefördert wird „Nürnberg forscht“ durch den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) 2021–2027 der Europäischen Union.


(Foto: Stadt Nürnberg / Rudi Ott)

Jelena Torbica ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungsbüro der Stadt Nürnberg und im Projektteam von Nürnberg forscht für die Wissenschaftskommunikation verantwortlich.


Die Plattform Lokalprojekte bringt Macher*innen und Kommunen zusammen. Mehr dazu findet ihr hier und auf lokalprojekte.de

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