Montag, 28. November 2022

Stadtverträgliche Mobilität: Mitreden explizit erlaubt

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Zwischen weltweiten Klimazielen und täglicher Parkplatzsuche: Die Diskussion über die Verkehrswende ist längst im Arbeitsalltag der Verwaltungen angekommen. Dabei treffen langwierige Planungsprozesse auf eine Vielzahl von Meinungen und Wünsche der Bürger*innen. Die Stadt Chemnitz rollt das Feld der Beteiligung in der Verkehrsplanung im Projekt NUMIC gemeinsam mit Forschungsinstitutionen praktisch auf.

Chemnitz ist eine Stadt im Aufbruch zur Kulturhauptstadt Europas 2025. Unter der Lupe der Verwaltung und Stadtgesellschaft steht auch die Mobilitätskultur. Denn Chemnitz ist mit einem Anteil des motorisierten Individualverkehrs von 52 % eine gelebte Autostadt. Gründe sind unter anderem eine bergige Topographie, vergleichsweise großzügige Magistralen für den Autoverkehr und hohe Pkw-Pendlerzahlen aus dem Umland. Beim Forschungsprojekt NUMIC ist deshalb der Ansatz, die lokalen Transformationsprozesse hin zu mehr Rad- und Fußverkehr zu analysieren und voranzutreiben. NUMIC steht für „Neues Urbanes Mobilitätsbewusstsein in Chemnitz“. Schwerpunkt der interdisziplinären Projektarbeit bildet dabei die Beteiligung der Bürger*innen, deren Ideen in ein bauliches Reallabor münden.

Die Chemnitzer Bürger*innen standen vom Anfang des Prozesses an im Fokus. Im Dezember 2019 befragte die TU Chemnitz, Teil des NUMIC-Teams, nach der Zufriedenheit, den Gewohnheiten und den Zielen der Fortbewegung mit Rad und zu Fuß. 403 Bürger*innen stellten sich den Fragen und bildeten damit die Grundlage für die gemeinsame Entwicklung einer beispielhaften Mobilitätsroute im Chemnitzer Osten.

02.07.2020, Heinrich-Schütz-Straße Ecke Zeisigwaldstraße Chemnitz – Begehung zum Modellprojekt NUMIC in Chemnitz – Vertreter waren jeweils zwei Personen der TU CHemnitz und Dresden sowie sechs Mitarbeiter der Stadtverwaltung Chemnitz einschließlich Baubürgermeister Michael Stötzer. – Im Bild sind v.l. Baubürgermeister Michael Stötzer und Dr. Frank Feuerbach von der Stadtverwaltung Chemnitz. (Foto: Stadt Chemnitz, NUMIC)
Markierung (Foto: Stadt Chemnitz, NUMIC)

Gemeinsam mit dem Projektpartner innosabi GmbH wurde die Open Innovation-Plattform numic.city aufgebaut. Dies ist eine Plattform, die neben räumlichen Beteiligungsverfahren wie Geotagging besonders für die Weiterentwicklung und Sortierung von Ideen entwickelt wird. Ein mehrphasiges Beteiligungsbeispiel ist die Entwicklung des Routennamens: Hier konnten erst Vorschläge durch die Bürger*innen eingereicht werden und diese wurden im zweiten Schritt durch das Projektteam zum Voting geprüft sowie zugelassen. Das letzte Wort hatten dann die Bürger*innen mit der Auswahl des Namens NUMICO.

Über die NUMIC Plattform werden seitdem Beteiligungen von der Auswahl der Route bis hin zur Gestaltung einzelner Plätze durchgeführt. Die Ideen, selbst der abwegig erscheinende Bau einer Rutsche entlang einer abfälligen Straße, werden von den Fachabteilungen geprüft und in die weitere Planung aufgenommen oder begründet zurückgewiesen. Die digitale Beteiligung wird ergänzt durch analoge Partizipationsmöglichkeiten wie aktionsbasierte Formate oder eine Postwurfsendung. Die Corona-Pandemie verhinderte bis jetzt größere Planungsworkshops vor Ort, doch die Mischung verschiedener Beteiligungsformate ist wichtig zur aktiven Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen. Dies ist wiederum eine Herausforderung innerhalb der Verwaltung die Ergebnisse aus verschiedenen Kanälen zu kombinieren, zu verwerten und an die Mitmachenden zurückzuspiegeln.

NUMIC schafft den Chemnitzer*innen hier bewusst viele Freiräume zum Denken und Ausprobieren. Es sind bereits viele Ideen eingegangen: Von einer verkehrsplanerisch durchdachten Idee, der Beschilderung der Route mit den Straßenverkehrszeichen, über Sitzmöglichkeiten bis hin zum Traum vom Badestrand. Das Projektteam versucht mithilfe der Beteiligung die Modellroute auf die Bedürfnisse der Radfahrer*innen und Fußgänger*innen zuzuschneiden.

Seit dem 30. April dieses Jahres ist die Mobilitätsroute als Reallabor eröffnet: Die 6 km lange Strecke wurde in vielen kleinen Stücken aufgewertet. Sichtbar sind ein Stück neuer Geh- und Radweg, eine Einbindung in die Radwegweisung, eine erleichterte Querung für Fußgänger*innen, Bänke in NUMIC-Farben sowie eine Radservicestation. Weitere Maßnahmen, wie Markierungen zur gegenseitigen Rücksicht zwischen den Verkehrsteilnehmenden und die Gestaltung von Aufenthaltsflächen, sind im Umsetzungsprozess.

Wie sich die Zufriedenheit der Bürger*innen durch die baulichen Maßnahmen – einzeln wie als Gesamtroute – verändert und wie das Mobilitätsverhalten beeinflusst wird, prüft die begleitende Forschungsarbeit in der nun folgenden einjährigen Feldphase. Dazu werden von der TU Chemnitz Befragungen sowie eine Virtual Reality-Studie genutzt. Das Fraunhofer IAO steuert dazu eine App zum Mobilitätstracking bei, die eine Bewertungsfunktion für zurückgelegte Wege sowie eine Meldefunktion für Infrastrukturprobleme und -wünsche hat. Ebenfalls im Forschungsinteresse ist die Frage, ob die verwendete Beteiligung einen Effekt hat auf die Zufriedenheit und Aufenthaltsqualität. Am Ende soll ein Handbuch zu dem Planungsansatz und den Rückschlüssen des Projektes entstehen.

Aus Verwaltungssicht ist während der Feldphase neben der Projektkoordination weiter Zeit für Austauschformate mit den Bürger*innen, um die Mobilitätsroute gemeinsam zu testen und Platz für Aktionen oder – aktuell an vielen Litfaßsäulen hängend – Plakatkampagnen zur erhöhten Aufmerksamkeit für den Rad- und Fußverkehr.

Mit NUMIC will die Verwaltung im Weiteren zudem Planungsprozesse und -hindernisse im Mobilitätsbereich transparent machen: Was ist der Unterschied zwischen einer heimischen Gartenbank und einer städtischen vandalismus- und verkehrssicheren Sitzgelegenheit? Was ist eine Leitungsträgerauskunft?

Gleichzeitig ist das Forschungsprojekt für die Chemnitzer Stadtverwaltung ein innovativer Lerneffekt. Hinter den Kulissen des Technischen Rathauses treffen und ergänzen sich dichte, arbeitsteilige Verwaltungsstrukturen mit flexiblem Teamwork des interdisziplinären Projektteams. In Verbindung mit der Erprobung neuer Mobilitätsmaßnahmen und Beteiligungsformate erkundet die Stadt Chemnitz mit NUMIC modernes Verwaltungshandeln.

Hinter dem Verbundprojekt NUMIC stehen neben Stadt und TU Chemnitz die TU Dresden, das Fraunhofer IAO und die Innosabi GmbH. Das Projekt wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Bjarne Lotze ist Verkehrsplaner der Stadt Chemnitz und Stadtaktivist. Als Projektkoordinator für das Forschungsprojekt NUMIC erprobt er mit Bürger*innen Mobilitätslösungen vor Ort. Rad & Fuß sind nicht nur beruflich sein Schwerpunkt, sondern tragen ihn auch in der Freizeit durch die Natur des Erzgebirges.(Foto: Privat)

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