Tiergestützte Maßnahmen statt Gefängnisstrafe in einer JVA – bei Tiertherapeutin Bianca Terhürne lernen straffällig gewordene Menschen mit geistiger Einschränkung durch den Umgang mit Tieren, wie man sich sozialverträglich im Kontakt mit anderen Lebewesen verhält. Über die psychologische Wirkung von Tieren berichtet sie für f4p.
Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit den tiergestützten Maßnahmen gemacht?
Ich arbeite nun seit 2005 tiergestützt, zu Beginn noch nebenberuflich. Da ich meinen Therapiehund damals mit zur Arbeit nehmen durfte, konnte ich erleben, wie es ist, Stationsleitung mit Hund oder ohne zu sein. Als ich anfing, meine damalige Hündin Leila mitzunehmen, veränderte sich die Beziehung von den Patient*innen zu mir: Ich war nicht mehr die Stationsleitung, sondern die mit Leila. Es wurde einfacher, ins Gespräch zu kommen und Themen anzusprechen.
Die Patient*innen machten mit Leila Übungen im Bereich Selbstsicherheit / Selbstwert und konnten dies annehmen. Noch heute bekomme ich E-Mails von ehemaligen Patient*innen.
Seit 2015 arbeite ich hauptberuflich in meiner eigenen Firma. Ich fahre mit meinen Tieren in Kinderkliniken, gerontopsychiatrische Kliniken, Psychiatrien, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Hospize, Senioreneinrichtungen, KiTas und Schulen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und Beatmungs-WGs.
Auf dem Hof haben wir meist Menschen mit psychischen und körperlichen Erkrankungen, denn wir arbeiten mit jedem gesunden und erkrankten Menschen. Unsere Klient*innen sind zwischen einem und hundert Jahren alt.
Wir erleben tagtäglich kleine Wunder, wenn etwa Menschen, die lange nicht gesprochen haben, plötzlich doch wieder sprechen, oder wenn sich Menschen wieder besser bewegen können und vieles mehr. Durch die Tiere wird das Hormon Oxytozin ausgeschüttet. Das hat bei uns Menschen positive Effekte in der sozialen Kompetenz und auch im motorischen, körperlichen und psychischen Bereich. Wir haben Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Minischweine, Hühner, Enten, Gänse, Achatschnecken, Baumhörnchen und Wellensittiche.
Wie sieht der Alltag bei der Arbeit mit den Tieren und Patient*innen aus und wie wird für das Wohl der Tiere gesorgt?
Weil unsere Tiere maximal zwei Mal täglich eingesetzt werden dürfen, haben wir 100 Tiere, um das auch gewährleisten zu können. Neben möglichst artgerechten Ställen und Gehegen dürfen die Tiere in ihrer Freizeit alles machen, was sie möchten, ob buddeln, suhlen, toben oder ähnliches. Die Hunde gehen mit mir zum Ausgleich einmal wöchentlich zur Hundeschule. Die anderen erhalten rund um die Uhr immer wieder Kuscheleinheiten von uns, wenn sie das möchten. Die Tiere werden in der Intervention zu nichts gezwungen: Möchte das Tier nicht, dann muss es nicht. Die Menschen, die zu uns kommen, lernen zuerst die Beziehungsarbeit zwischen ihnen und dem Tier kennen, um dann mit diesen Parcour, Spaziergänge oder ähnliches zu machen. Die Tiere spiegeln das Verhalten der Menschen, so kann ich das aufgreifen und mit den Menschen daran arbeiten (vereinfacht gesagt).
Wäre der Einsatz von Tieren auch bei Straftäter*innen in regulärem Vollzug ein empfehlenswerter Ansatz?
Ja. Erstens haben diese Menschen oft eine andere Art gelernt, mit Tieren umzugehen, und können das verändern. Oft sind sie aber sehr tierlieb und wollen den Tieren nicht schaden. Wir helfen ihnen dabei, den Umgang zu erlernen. Tiere geben uns eine direkte Rückmeldung, die wir von Menschen oft nicht hören wollen. Ein Beispiel: Ein Mann möchte mit dem Hund kuscheln, umarmt ihn und engt ihn ein. Der Hund wehrt sich direkt oder knurrt sogar. Hier kann ich das Thema Nähe und Distanz aufgreifen. Der Mann möchte ja dem Tier nicht schaden und nimmt so an, was ich ihm erkläre. Bestenfalls können wir dann das Thema weiterbearbeiten: was ist, wenn ich eine Frau umarme und sie das nicht will.
Da die Tiere beruhigen und in uns viele Gefühle ansprechen, wäre das auch ein Bereich, mit dem man arbeiten kann. Wer nimmt schon gerne eine straffällige Person in den Arm? Tiere sind da neutral: Sie leben im Hier und Jetzt, sie kuscheln und das stärkt die Menschen positiv.
Wie genau kann der Umgang mit Tieren die straffällig gewordenen Personen wieder auf ein Leben in Freiheit vorbereiten bzw. welche Wirkung haben die Tiere?
Wie schon beschrieben, kann das Tier nur ergänzend helfen. Neben Sozialen Kompetenz Gruppen und Deliktgruppen kann das Tier den Zugang zu diesen Menschen ermöglichen, ein wenig aufweichen oder sogar öffnen. Über das Tier kann dann in Interaktionen gegangen werden, die hilfreich sind. Wir hatten schon gerade das Nähe-Distanz-Problem angesprochen. Ein großes Thema ist auch Aggression, weil sich eine Person abgelehnt fühlt, nicht gesehen wird oder sich einfach ungerecht behandelt fühlt. Auch das Tier kann eine Person ablehnen und zu jemand anders gehen. Hier kann man direkt das Thema ansprechen: „Verletzt es Sie, dass der Hund jetzt zu Herrn XY geht? Wie fühlt es sich an – meinen Sie, er kommt gleich noch zu Ihnen? Verzeihen Sie ihm?“
Mit der entsprechenden Fachkompetenz, die man auf jeden Fall mitbringen muss (ich habe 30 Jahre Psychiatrie-Erfahrung, bin Fachkrankenschwester für Allgemeine Psychiatrie), wie aber auch durch eine gute tiergestützte Ausbildung (ich bin Fachkraft für tiergestützte Intervention ISAAT) ist das sicher ein sehr dankbares Feld. Wir sind in der Forensik tätig und erleben dort immer wieder, wie gut es den Menschen tut.




Bianca Terhürne ist Leiterin und Inhaberin der Eseltherapie Terhürne und bietet zusammen mit ihren Therapietieren psychisch beeinträchtigten Menschen Unterstützung durch tiergestützte Therapien an. Während ihrer langen Berufserfahrung als Fachkrankenschwester und Tiertherapeutin hat sie ihr eigenes, erfolgreiches Therapiekonzept entwickelt.



