Obwohl wir in Zeiten wachsender Bedrohungen viel über Resilienz sprechen, wird ein entscheidender Aspekt oft übersehen: Mentale Sicherheit ist das Fundament, auf dem Resilienz erst möglich wird. Planspiele und Simulationen sind ein Schlüssel, um diese Stärke praktisch erfahrbar zu machen.
Mit Resilienz verbinden wir aktuell vor allem die Prävention von und den Umgang mit hybriden Angriffen auf unsere Lebenswelt. Anschläge auf Stromnetze und Flughäfen sowie die Verbreitung von Falschinformationen sind nur einige Beispiele für hybride Angriffe in jüngerer Vergangenheit. Länder wie Finnland und Schweden zeigen, wie mit diesen Bedrohungen umgegangen werden kann. Dort bedeutet Resilienz nicht nur, Drohnen abzuschießen, Sabotageakte zu vereiteln und technische Redundanzen zu schaffen, sondern (wie es das Arbeitspapier „Comprehensive Security und Total Defence“ der Bundesakademie für Sicherheitspolitik beschreibt) ganz zentral auch „mentale Sicherheit“.
Mentale Sicherheit lässt sich nach diesem Arbeitspapier (das ich zur Lektüre sehr empfehle) als gesellschaftliche Fähigkeit beschreiben, Bedrohungen realistisch einzuordnen, staatlichem Handeln zu vertrauen und auch unter Druck urteils- und handlungsfähig zu bleiben. Sie entsteht durch transparente Kommunikation, gesellschaftliche Beteiligung, Bildung, klare Aufgabenverteilung und regelmäßige Vorsorgeübungen. Mentale Sicherheit ist dabei nicht nur eine zusätzliche Dimension neben innerer, äußerer, digitaler und wirtschaftlicher Sicherheit, sondern die verbindende Grundlage: Sie entscheidet, ob staatliche Schutzmaßnahmen tatsächlich in gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit und gemeinsames Handeln umgesetzt werden können.
Simulationen wie Model NATO Germany können hier eine kleine, aber wichtige Komponente in Form von Bildung sein. Teilnehmende tauchen selbst in eine Welt ein, die wenig transparent und in der Regel nur Fachkreisen zugänglich ist. Sie erleben selbst, wie Sicherheitspolitik funktioniert und welche Prozesse und Strukturen dahinterstehen.
Bei Model NATO Germany bedeutet das konkret: Einmal im Jahr erleben die 96 Teilnehmenden die Institutionen und Prozesse der NATO selbst und simulieren eine Woche lang ein Krisenszenario, bei dem zwischen 32 Staaten und über mehrere militärische und zivile Gremien hinweg Einstimmigkeit hergestellt werden muss.
In unserem letzten Szenario war beispielsweise der Interessenausgleich zwischen den Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres und des Baltikums ein wiederkehrendes Problem.
Die Teilnehmenden erleben außerdem, was Krisenbewältigung in Echtzeit bedeutet und wie unter unsicheren Bedingungen, bei gezielter Verbreitung von Falschinformation und unter Zeitdruck Entscheidungen getroffen werden müssen.
Im vergangenen Jahr wurde dies durch Nebenschauplätze simuliert, die Teil eines größeren Problems wurden oder sich im Nachhinein als harmlos herausstellten. So gab es beispielsweise einen Zwischenfall mit einer Drohne, der sich später lediglich als unüberlegte Aktion von Jugendlichen entpuppte.
In einer Zeit, in der unsere demokratischen Institutionen und auch die NATO von innen wie außen ständig angegriffen werden, trägt ein selbst erlebtes und damit gefestigtes Verständnis der Funktionsweise von Institutionen zur mentalen Sicherheit bei. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Bestandteil einer gesellschaftlichen Resilienzstrategie.
Deshalb mein Appell an Institutionen: Fördert solche ehrenamtlichen Projekte, wo immer es möglich ist! Gleichzeitig möchte ich allen Interessierten und Engagierten empfehlen, selbst Planspiele zu organisieren oder daran teilzunehmen. Es lohnt sich nicht nur für die mentale Sicherheit der Gesellschaft, sondern es macht auch sehr viel Spaß
Unsere Model NATO Konferenz findet jedes Jahr Mitte November in Berlin statt. Falls ich dein Interesse geweckt habe, schau doch gerne mal auf unserer Website vorbei.

Johannes Boss ist Vorsitzender von Model NATO Germany e.V. und seit 2025 Teil von Model NATO. Er studiert im Rahmen eines Joint Degrees den Masterstudiengang Security, Intelligence and Strategic Studies.



