Tatort Internet

Zwischen Recht und Realität

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Ein Cyberangriff kennt keine Öffnungszeiten – und oft auch keine Grenzen. Mein erster „Das ist Cybercrime“-Moment war deshalb gleich am ersten Tag bei der Cybercrime-Zentralstelle: Während es bei klassischen Strafverfahren häufig um physische Sachverhalte geht – A klaut B etwas –, spielen sich unsere Fälle vor allem in der digitalen Welt ab. Es geht um Kryptobörsen, Online-Handelsplattformen, Phishing oder Cyberangriffe. Der klassische Tatort fehlt.

Das macht die Ermittlungen besonders: Wo ist der/die Täter*in? Wo befindet sich der Server? Und wie bekommt man die nötigen Informationen, wenn die Spuren rund um die Welt führen?

Wenn der Tatort digital ist

Eine große Herausforderung ist die internationale Zusammenarbeit. Selbst wenn wir einen Server lokalisieren können, kann dieser in einem anderen europäischen oder außereuropäischen Staat stehen. Dann sind Rechtshilfeverfahren notwendig. Gleichzeitig versuchen unbekannte Täter*innen, ihre Spuren zu verwischen – etwa über VPNs, Proxy-Server, Voice over IP oder anonyme E-Mail-Dienste.

Und manchmal muss es schnell gehen. Ein wiederkehrendes Szenario ist beispielsweise die Sicherung von Geldern auf Bankkonten oder Krypto-Wallets. Hier können Stunden entscheidend sein. Gleichzeitig müssen auch in solchen Situationen die rechtlichen Voraussetzungen stimmen.

Viele Spuren, viele Fragen

Digitale Spuren gibt es viele – von IP-Adressen über Chatverläufe bis hin zu Transaktionen. Die Daten werden vor allem von spezialisierten Fachkommissariaten der Polizeidienststellen ausgewertet. Für uns als Staatsanwält*innen geht es anschließend darum, die Ergebnisse zu verstehen, einzuordnen und für das Verfahren nutzbar zu machen.

Auch hier zeigt sich: Cybercrime ist Teamarbeit. Staatsanwält*innen, Polizeibeamt*innen, IT-Forensiker*innen und weitere Spezialist*innen bringen unterschiedliche Kenntnisse zusammen. Niemand muss alles können.

KI verändert Cybercrime

Auch künstliche Intelligenz spielt eine zunehmende Rolle. Aktuell beobachten wir ihren Einsatz beispielsweise bei der Vorbereitung von Cybercrime-Taten. Bei Betrug mit gefälschten Online-Handelsplattformen können etwa täuschend echte Videos erstellt werden, in denen bekannte Personen vermeintlich für bestimmte Geldanlagen werben. Durch Deepfakes wirken solche Inhalte auf viele Menschen glaubwürdig.

Auch auf technischer Ebene kann KI eine Rolle spielen. So können KI-gestützte Werkzeuge bei der Analyse von Quellcode helfen und Schwachstellen auffinden. Für Ermittlungsbehörden bedeutet das vor allem: Technische Entwicklungen müssen verstanden werden, damit die daraus entstehenden Spuren und Zusammenhänge richtig eingeordnet werden können.

Kein Job für „Computer-Nerds“

Wer bei Cybercrime an Menschen denkt, die den ganzen Tag vor mehreren Monitoren sitzen und jeden Programmiercode verstehen, liegt daneben. Natürlich gibt es spezialisierte IT-Expert*innen und IT-Forensiker*innen. Der Großteil der Arbeit besteht aber aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen.

Man muss kein*e Informatiker*in sein. Ein grundsätzliches Interesse an technischen Zusammenhängen hilft allerdings. Vieles lernt man direkt im Job – etwa bei internen Fortbildungen zu Themen wie „Was ist eigentlich eine IP-Adresse?“. Dazu kommen externe Tagungen und natürlich der Austausch mit Kolleg*innen und der Polizei.

Denn genau das macht für mich einen großen Teil des Jobs aus: die Zusammenarbeit. Man sitzt nicht allein vor einem Problem, sondern kann sich mit Kolleg*innen austauschen, gemeinsam Fragen klären und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen.

Und neben all dem Digitalen bleibt man Staatsanwält*in: Hausdurchsuchungen, Besprechungen, Auslandsreisen und auch der klassische Sitzungsdienst vor Gericht gehören weiterhin zum Berufsalltag.

Cybercrime ist deshalb nicht nur eine Frage von Technik. Es geht um Menschen, Zusammenarbeit und darum, gemeinsam Lösungen zu finden – in einer digitalen Welt, in der der Tatort manchmal überall sein kann.


Timo Gude studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Osnabrück und Münster. Nach einer kurzen Tätigkeit als Rechtsanwalt wechselte er in den öffentlichen Dienst. Seit 2026 ist er als Staatsanwalt bei der Zentralstelle Cybercrime Niedersachsen tätig.

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