Mittwoch, 30. November 2022

Panoramablick auf Koblenz

Must read

Michael Harbeke
Michael Harbeke
Michael Harbeke ist Online-Redakteur. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport, spielt Schach und ist an Literatur, Geschichte sowie Kunst und Kultur interessiert.

Mächtige Mauern weisen den Weg zu Noelia Wostrys Arbeitsplatz. Die Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz ist einer der Sitze der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE). Die studierte Diplomkauffrau für Betriebswirtschaftslehre ist Leiterin der Stabsstelle Finanzen und verantwortlich für alle Vorgänge, die das Finanzwesen der GDKE betreffen – ein spannendes Berufsfeld, wenn man bedenkt, dass sie für alle Burgen, Schlösser und Altertümer, die die GDKE betreut, die Budgets verantwortet. Doch das ist nur ein Part ihrer vielfältigen Tätigkeit.

“Ich liebe es, hier zu arbeiten”, sagt die 1980 geborene Koblenzerin, die in der Altstadt aufwuchs und seit ihrer Kindheit zur Festung hinaufblickte. Nun haben sich die Dimensionen verschoben, denn seit Februar 2006 arbeitet sie dort und schaut auf Koblenz’ Straßen und Gassen sowie den Rhein herab. Das Deutsche Eck und das Denkmal Kaiser Wilhelms I. liegen ihr quasi zu Füßen. “Es ist so schön, in der Mittagspause im Sommer einen solch grandiosen Blick auf das Deutsche Eck zu genießen und zu sehen, wie die Besucher und Besucherinnen sich ebenfalls vom Panorama beeindrucken lassen.”

Die Pandemie macht die Festung zu einem stillen, menschenleeren Ort. Der geschichtsträchtige Bau, den sonst viele Gäste besuchen, ist verwaist. Das Landesmuseum ist geschlossen und auch die moderne Seilbahn, welche sonst Touristen in Scharen auf das Festungsplateau befördert, hat ihren Dienst im Teil-Lockdown eingestellt. Covid-19 hat große Auswirkungen auf den Regelbetrieb der Controllerin und das gesamte Team. Auch im Bürotrakt ist es spürbar ruhiger geworden: “Wir haben auf Schichtbetrieb umgestellt und die Präsenz deutlich heruntergefahren.” An ihrem Arbeitsplatz, in der Contregarde Links – die unterschiedlichen Trakte und Areale tragen französische Namen (wie im Festungswesen üblich) – laufen alle Fäden der Finanzen der GDKE zusammen. Neben Noelia Wostry sind weitere fünf Mitarbeitende in der Finanzabteilung beschäftigt.

Kulturbetrieb im Lockdown- Modus

Laut Haushaltsplan liegt der Ansatz der GDKE bei rund 32 Millionen Euro, die von Noelia Wostry verwaltet werden. Sie trägt die Budgetverantwortung und ist Beauftragte für den Haushalt gemäß Landeshaushaltsordnung. Die Angestellte, die nach dem Tarifvertrag der Länder bezahlt wird, ist für ziemlich alles verantwortlich, was mit dem Rechnungs- und Kassenwesen der GDKE in Verbindung gebracht wird. Das kann ein Kostenplan zu einer Ausstellung, die beratende Unterstützung zu einer archäologischen Grabung und deren Finanzen oder die Mitwirkung in Zuwendungsfällen von Denkmälern sein. Genauso ist die finanzplanerische Begleitung von Veranstaltungen, wie zum Beispiel das über die Grenzen von Rheinland-Pfalz bekannte Festungsleuchten, Teil ihres Jobs: “Leider müssen dieses Jahr geliebte Programmpunkte ausfallen. Das tut in der Seele weh, aber die derzeitige Lage ist eben nicht zu ändern.”

Trotz der unwirklichen Ruhe ringsum steht Wostry noch sehr viel Arbeit bevor. Denn “bald geht es in die heiße Phase”, wie sie sagt. Der Haushalt der GDKE wird Mitte Dezember für das Geschäftsjahr 2020 abgeschlossen. Seit dem Spätsommer bereitet sie alles auf den Tag X vor. In Absprache mit Generaldirektor Thomas Metz, dem sie direkt unterstellt ist, und den Budgetverantwortlichen der sechs Direktionen (siehe Infokasten) wird der Haushaltsplan für die GDKE aufgestellt. “Jede Rechnung wandert über meinen Tisch. Ich prüfe, welche Ausgaben und Verpflichtungen anstehen, welche Wünsche erfüllt werden können und welche Haushaltsmittel im Folgejahr zur Verfügung stehen müssen. Diese Arbeit ist sehr komplex.” Das Rechnungswesen ist durch die Pandemie noch digitaler geworden. Homeoffice ist ein Arbeiten aus der Distanz, was Absprachen schwieriger macht: “Wir nutzen digitale Datenbanken und IRM@, um unsere Controlling-Aufgaben, das Prüfwesen, wahrzunehmen. Der Austausch mit dem Team ist jedoch auch im Lockdown unerlässlich. Telefonkonferenzen sind ein fester Teil unseres Arbeitslebens geworden.”

Lange Festungskarriere –Traumjob gefunden

Wostry gehört seit 15 Jahren zum “Inventar” der “Ehrenbreitstein”. Nachdem die Koblenzerin 1999 ihr Abitur am Koblenzer (Joseph) Görres-Gymnasium absolviert und bis 2005 an der Universität des Saarlandes studiert hatte, begab sie sich sozusagen in freiwillige “Festungshaft”, die bis heute andauert. Die Schwerpunkte ihres Studiums waren Controlling und Marketing. Im Februar 2006 fing sie dann bei der Direktion “Burgen, Schlösser, Altertümer” im Veranstaltungswesen an, die heute in der Dachorganisation GDKE aufgegangen ist: “In meinen Anfangsjahren durfte ich unsere Burgen, Museen und Denkmäler hautnah kennenlernen, Veranstaltungen mitgestalten und mich mit unserem rheinland-pfälzischen kulturellen Erbe intensiv auseinandersetzen.” 2011 folgte dann der Wechsel zur Finanzabteilung, deren Leitung sie im Herbst 2018 übernahm: “Rückblickend muss ich sagen, dass es nur ein Vorteil sein kann, so lange bei einem Arbeitgeber beschäftigt zu sein. Es hilft mir ungemein, denn ich kenne viele Abteilungen sehr gut. Dieses Wissen hilft mir beim Controlling sehr, da jede Direktion und Stabsstelle ihre Spezifikationen besitzen.”

Wostry geht im Kulturbetrieb der GDKE auf. Aber auch privat ist sie mit den schönen Künsten eng verbunden. Sie spielt Klavier, besucht Museen. Die Controllerin ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Hund. Außerdem liebt sie Zahlen, eine Affinität, die Grundvoraussetzung für ihren Beruf ist: “Ohne gute Auffassungsgabe und strategisches Denken wäre man hier fehl am Platz. Außerdem sind fundierte Excel-Kenntnisse enorm wichtig.”

Vielfalt ist das Zauberwort

Was die Stabsstellenleiterin täglich anspornt, sind die ständig wechselnden Herausforderungen: “Ich bin ein Mensch, der nicht nur nach Schema F arbeiten möchte. In der Finanzabteilung sind jeden Tag neue Prüfsteine zu bewältigen. Das fordert mich und macht mich glücklich.” Der größte Teil der Haushaltsführung ist die Umsetzung von Maßnahmen in der Personalwirtschaft nach Vorgabe der Dienststellenleitung. Hier beeindrucken sie besonders die Tätigkeitsfelder der rund 260 und saisonbedingt bis zu 400 Beschäftigten, die bei der GDKE arbeiten: “Mein Job bringt mich mit vielen Berufszweigen zusammen. Durch meine Tätigkeit erfahre ich, wie Museologen, Museumspädagogen, Archäologen, Kunsthistoriker und Ausstellungsarchitekten arbeiten.” Wostry erstellt Kostenpläne und blickt tief in die Materie der GDKE und ihrer faszinierenden Liegenschaften sowie Museen: “Ob Burg Sooneck, Schloss Stolzenfels oder die Festung Ehrenbreitstein – jeder dieser Erinnerungsorte besitzt seinen eigenen Charme, eine bewegende Geschichte. Unsere einmalige Kulturlandschaft darf ich bei meiner Arbeit immer wieder neu kennenlernen.”

Kostenpläne für die Archäologie

Eine der Direktionen der GDKE ist die Landesarchäologie, mit der Wostry in vielen Projekten eng zusammenarbeitet: Wie zum Beispiel dem Projekt Wachtenburg in Wachenheim, einer Höhenburg aus dem 12. Jahrhundert, wo eine Mauer einzustürzen drohte. Vor der Bau- oder Sanierungsmaßnahme fanden dort Untersuchungen durch die Wissenschaftler statt. Die kostspieligen Arbeiten werden durch unterschiedliche “Töpfe” finanziert. Die gesamten Finanzmittel zu koordinieren ist Wostrys Aufgabe. Sie unterstützt die Kollegen der Direktion Landesarchäologie beim Kooperationsvertrag, überprüft die Zahlungsströme auf Korrektheit und gewährleistet die korrekte Abrechnung und Verwendung der Mittel: “Nicht nur bei der Wachtenburg komme ich mit den unterschiedlichsten Playern zusammen, die das kulturelle Erbe durch Spenden und Zuwendungen bewahren.” Im konkreten Fall ging die GDKE RLP eine gemeinsame Kooperation mit der Direktion Landesarchäologie, dem Wachtenburgverein, einem Förderkreis, der sich um den Erhalt der Burg bemüht, sowie der Universität Freiburg ein. Gemeinsam wurde an einem realistischen Kostenplan zum Wohl des denkmalgeschützten Bauwerkes gearbeitet. “Es macht mich unglaublich stolz, wenn man etwas bewirken kann und die historische Substanz eines Gebäudes erhalten bleibt, welches es schon 800 Jahre gibt.”

Schätze aus dem Erdreich

Ein weiteres Tätigkeitsfeld, mit dem Wostry immer wieder in Berührung kommt, ist die sogenannte Investorengrabung: “Wenn in einem Baugebiet archäologische Funde im Erdreich vermutet werden, kommt die Landesarchäologie ins Spiel,” wie die Controllerin erklärt. Die Wissenschaftler analysieren den Boden und schätzen ein, ob sich die Vermutungen erhärten. Bestätigt sich der Verdacht eines historischen Fundes, bewertet die Landesarchäologie, ob die archäologischen Überreste und Baudenkmäler erhalten bleiben, oder noch weitere Ausgrabungen und gründliche Dokumentationen zur Untersuchung notwendig sind: “Wenn das der Fall ist, sieht es das Denkmalschutzgesetz vor, dass der Investor einen Teil der Ausgrabung mitfinanziert. Die Finanzabteilung muss nun die daraus entstehenden Zahlungen durch den Investor sowie den Nachweis der anfallenden Sach- und Personalausgaben gegenüber dem Investor steuern und prüfen.”

Etwas Nachhaltiges bewirken…

Aber auch Ausstellungen wie die Landesausstellung “Die Kaiser und die Säulen der Macht”, die derzeit im Landesmuseum Mainz laufen sollte – wäre da nicht Corona – hat Wostry und ihr Team finanztechnisch begleitet: “Vom Ausstellungskatalog bis zur Ausstellungsarchitektur habe ich fundierte Einblicke erhalten. Jeder noch so kleine Posten wurde von uns geprüft. So bekommt man hautnah mit, wie eine so große Ausstellung konzipiert wird und wie viele Rädchen ineinanderlaufen müssen. Traurig ist nur, dass sie momentan niemand besuchen darf. Wir hoffen auf bessere Zeiten!” Weitere Tätigkeitsfelder, die Wostry verantwortet, sind die Steuerung und das Finanzcontrolling sowie die Verwaltung der Drittmittel: “Großprojekte, die Unterstützung der vielen Veranstaltungen und Ausstellungen, sind nicht immer ohne Drittmittel denkbar. Bund, EU, Stiftungen und Fördervereine helfen, die Projekte der GDKE mitzufinanzieren. Bei den komplizierten Verfahren übernimmt die Finanzabteilung das Prüfwesen und kontrolliert die Transaktionen.”

“Rheinromantik pur”

Nach einem anstrengenden Tag verlässt Wostry das Festungsareal mit einem guten Gefühl: “An meinem Beruf gefällt mir, dass ich etwas Nachhaltiges bewirken kann. Viele denken ja, der Umgang mit Zahlen sei abstrakt. Doch wenn man überlegt, wie unsere Kulturdenkmäler durch die Gelder der Nachwelt erhalten bleiben, sieht man, was man bewegen kann.“Wostry, die viele Ausstellungen der GDKE privat besucht, ist stolz, mit ihrer Arbeit zur Außendarstellung der rheinland-pfälzischen Kultur beizutragen. Die Koblenzerin ist eng verwurzelt mit ihrer Heimat. In ihrem familiären Umfeld genießt sie den Blick auf den Rhein und dessen Burgen: “Bei schönem Wetter kann ich von uns zu Hause in Vallendar, quasi vor der Haustür, die Festung Ehrenbreitstein und Schloss Stolzenfels sehen, die auch von der GDKE verwaltet werden. Es ist ein traumhafter Blick ins Rheintal. Rheinromantik pur!”

- Werbung -

More articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Latest article