Mittwoch, 28. September 2022

“Die Situation macht demütig”

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Ihrem ersten wirklichen Notfall ist die Ärztin Sarah Caroli ganz unvermittelt begegnet. Auf einem Flug nach Madrid bat die Crew über die Lautsprechanlage an Bord befindliche Mediziner, sich zu melden. Ein Passagier brauche ärztliche Betreuung. Caroli, die ihre Approbation erst ein paar Tage in der Tasche hatte, meldete sich ohne Zögern. Erst als sie der Stewardess den Gang hinab folgte, sei ihr auf einmal bewusst geworden, dass sie als junge Ärztin “keinerlei praktische Erfahrungen mit Notfällen” habe. Schlimme Befürchtungen gingen ihr durch den Kopf – und die Hoffnung, der Fall möge vielleicht doch nicht so schwerwiegend sein. Der Patient stellte sich dann als Teilnehmer eines Junggesellenabschieds heraus, der dem Alkohol und anderen Substanzen zu ausschweifend zugesprochen hatte. Mit diskreter Unterstützung einer erfahrenen Krankenschwester, die sich ebenfalls gemeldet hatte, konnte Sarah den jungen Mann wieder stabilisieren. Sie nahm sich vor, zu lernen, wie man als Ärztin mit Notfällen “souverän” umgeht.

Ursprünglich hat sie sich überhaupt nicht in der Intensivmedizin gesehen: “Ich bin eigentlich eher der ängstliche Typ. Ich hatte wahnsinnigen Respekt vor der Arbeit da.” Wegen der Vielfältigkeit der Materie hatte sie sich nach ihrem Abschluss für eine fünfjährige Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin entschieden. Ganze sechs Monate sind darin für Intensivmedizin vorgesehen. Im Januar 2021 arbeitet Sarah Caroli aber nun schon seit zwei Jahren als Assistenzärztin im Akut-Bereich des Berliner Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe.

Das war Glück im Unglück, als im Frühjahr 2020 die ersten Covid-19-Patienten nach Kladow kamen. Sie war eingearbeitet und kam mit der Belastung gut zurecht. Rückblickend revidiert sie ihre Ängste: “Zum einen gewöhnt man sich an manche Dinge, und vieles macht auch einfach Spaß.” Jetzt nach zwei Jahren das Team zu verlassen, komme nicht infrage: “Jetzt bleibe ich, bis die Pandemie ausgestanden ist.”

Das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe ist in Berlin eine sogenannte “Level-II-Klinik”, der Covid-19-Patienten zugeteilt werden. Level I sind die Häuser der Charité, die für die Schwerstkranken zuständig sind. Level-III-Kliniken sollen Nicht-Covid-Patienten aufnehmen. Organisiert wird die Verteilung durch eine Koordinierungsstelle, die an der Charité angesiedelt ist. Ein Teil der Covid-Patienten kommt daher aus anderen Berliner Krankenhäusern zur Havelhöhe. Andere werden aber auch über die Notaufnahme oder den aufmerksamen Hausarzt eingewiesen. Längst nicht alle landen gleich auf der Intensivstation, sondern werden unter entsprechenden Quarantänemaßnahmen auf anderen Stationen des Hauses betreut. Auch dort können Patienten Sauerstoff erhalten.

Carolis Tage sind lang, sehr lang. Ein regulärer Tagdienst in der Klinik Havelhöhe dauert werkwie feiertags 12,75 Stunden – inklusive der vorgeschriebenen einstündigen Mittagspause, die hier wie auch anderswo kaum wirklich wahrgenommen wird. Um 20:15 Uhr ist offizieller Dienstschluss, aber erst dann gibt es genug Ruhe zur Dokumentation des Geschehenen. Natürlich erhält die Medizinerin entsprechenden Freizeitausgleich, aber mehrere aufeinanderfolgende Dienste sind so anstrengend, dass sie lieber gleich in der Klinik übernachtet, um morgens fit zu sein.

Stationsärztin der ITS

Wenn Caroli Tagdienst hat, klingelt der Wecker in ihrer Altbau- Wohnung im Prenzlauer Berg um Viertel nach fünf Uhr morgens. Der Dusche folgt ein schnelles Frühstück. Um sechs Uhr geht es zur U-Bahn. Rund eine Stunde dauert die Fahrt zum Gesamtkrankenhaus Havelhöhe nach Kladow, jenseits des Wannsees am westlichen Rand Berlins gelegen, inklusive zweimal Umsteigen. Bei widrigem Wetter oder spätabends werden daraus leicht auch mal eineinhalb Stunden.

Der eigentliche Dienst beginnt um halb acht. Bis dahin bleibt Caroli noch Zeit, sich die blauen “Arztklamotten” überzuziehen und ihre privaten Sachen in den Spind zu schließen. Dann geht es nach oben zur Übergabe, in den Akut-Bereich der Klinik. Dieser besteht aus der Rettungsstelle mit der Notaufnahme sowie aus den Stationen I, der Intensive Care Unit (ITS) und II, der Intermediate Care Unit (IMC). Caroli arbeitet derzeit überwiegend als Stationsärztin der ITS. Je nach aktueller Lage kann sich die Übergabe der beiden Stationsärzte der Tagschicht mit dem diensthabenden Arzt der Nachtschicht von einer dreiviertel Stunde bis zu eineinhalb Stunden hinziehen. Die Vorkommnisse der Nacht werden besprochen, Zustand und Vorgeschichte einzelner Patienten.

Danach beginnt die Visite mit der Planung der Behandlungen. Die wichtigsten Vitalwerte sind mindestens tagesaktuell aus den IT-Systemen der Klinik abrufbar. “Wenn es akut wird, wird die Kontrolle immer engmaschiger. Ab einem bestimmten Punkt entscheiden wir dann zum Beispiel: Es wird intubiert.” Der Rundgang durch die Stationen zur Untersuchung und zu Gesprächen mit Patienten und Abstimmung mit dem Pflegepersonal bleibt wegen des fragilen Zustands der Patienten unberechenbar. Irgendwann am “frühen Nachmittag” sei die Visite meist zu Ende, so Caroli. Dann kommen Neuaufnahmen, individuelle Behandlungen etc.

Zwischen Hoffnung und Palliativweg

Es ist ein Tagesablauf, der immer wieder durch Notfälle und andere Anforderungen unterbrochen und verlängert wird. Auch durch Gespräche mit Angehörigen über Therapiemöglichkeiten und -ziele. Die meisten Patienten mit akuten Beschwerden würden gerade am Anfang in der Hoffnung eingeliefert, “dass alles gut werde”. Aber manchmal entwickelten sich die Dinge über Tage oder Wochen hinweg so, dass die Ärzte gemeinsam mit den Patienten oder Angehörigen den “Palliativweg” wählten, erklärt Caroli. Der Tod ist hier nie weit entfernt. Respekt hat die 36-Jährige davor, keine Angst: “Ich möchte natürlich verhindern, dass der Patient stirbt. Aber wenn die Entscheidung zur Einstellung der Intensivbehandlung nach sorgfältiger Abwägung getroffen wird, kann ich ganz gut damit umgehen.” Besonders schwer werde es, wenn es um junge Patienten gehe, berichtet Caroli. “Da fragt man sich schon, warum ausgerechnet diese Person?”

Normalerweise liegen zehn bis zwölf Patienten auf jeder der beiden Akut-Stationen, zurzeit überwiegend an Corona Erkrankte. Maximal zwei Patienten teilen sich ein Zimmer. Wegen Ansteckungsgefahr bleiben die Türen zu den Fluren geschlossen. Die Daten der Patienten werden elektronisch ins Ärzte- und Schwesterzimmer übertragen und mit akustischen Warnsignalen unterlegt. Irgendwas bimmele da immer, sagt Caroli. “Manchmal habe ich abends so ein Bimmeln im Ohr, wenn ich im Bett liege.” Covid-19 hat die Lage im Akut-Bereich verändert. Die Verweildauer sei länger geworden. Manche Patienten blieben bis zu 60 Tage auf der Intensivstation. Außerdem verkomplizierten die notwendigen Hygiene-Maßnahmen die Prozesse in der Klinik: “Allein das An- und Ausziehen der Schutzkleidung kostet richtig Zeit.”

Bei aller Beanspruchung mache die Arbeit auch Spaß. Das Detektivische hinter der Frage “Was hat der Patient jetzt?” findet die Medizinerin spannend und dass man schnell die Lage klären und handeln müsse. Am meisten Freude hat sie an Behandlungen, die eine unmittelbar sichtbare Erleichterung für den Patienten bringen: “Thoraxdrainagen lege ich sehr gerne.” Da sei zum einen das Praktische, erklärt Caroli, aber natürlich auch zu sehen, dass der Patient unmittelbar danach wieder ausreichend Luft bekomme und seine Werte sich normalisierten.

Unterstützung durch Technik

Selbst Covid-19 war am Anfang “spannend, aber auch furchteinflößend”, wenn man die Bilder aus Italien sah. Am Anfang musste das Havelhöhe-Team von den Erfahrungsberichten aus anderen Ländern und Kliniken zehren. Wichtig war der ständige Austausch mit den Kollegen in der Charité. Von dort hatte man einen Roboter zur Verfügung gestellt, der mit den Diensthabenden durch die Covid-Visite rollte. Das Gerät stellt eine direkte Verbindung zu einem Arzt in der Charité her, der über Video und Audio mit dem Team in der Klinik Havelhöhe kommunizieren kann.

Ja, es sind im Akut-Bereich auch Patienten an Covid-19 gestorben. Aber weit mehr konnten ihn mit Aussicht auf Genesung wieder verlassen. Kürzlich sei da ein reizender über 70-Jähriger gewesen, der zutiefst traurig war, weil er glaubte, seine Frau und Familie zurücklassen zu müssen. “Das war dann total schön, als ich ihn zwei Tage später wieder zurückverlegen konnte”, erzählt Caroli. Wider Erwarten hatte sich der Gesamtzustand des Mannes erheblich gebessert: “Insgesamt macht einen die Situation auch demütig.” Die Mediziner-Laufbahn sei ihr keineswegs in die Wiege gelegt worden, behauptet Caroli, obwohl sie väterlicherseits auf mehrere Generationen von Ärzten blicken kann. Ihre Interessen seien vielfältig, vor allem kulturelle, politische und gesellschaftliche Themen findet sie “wahnsinnig spannend” und den Blick in die weite Welt. Es hätten auch Politikwissenschaften werden können. Nach einem hervorragenden Abitur ging sie erst einmal zur Denkpause als Au-Pair-Mädchen nach Großbritannien ins ländliche Oxfordshire. Das sei keine leichte Zeit gewesen. Eltern, die drei jüngeren Geschwister und der Freundeskreis fehlten in der Fremde.

Anwendungsorientierung war entscheidend

Zum Studium, die Wahl fiel dann doch auf Medizin, kehrte Caroli ins heimatliche Baden-Württemberg zurück. Selbst während des Grundstudiums in Freiburg sei sie sich ihrer Studienentscheidung aber nicht völlig sicher gewesen, erzählt sie. Die naturwissenschaftliche Ausrichtung der frühen Semester war ihre Sache nicht. Sie besuchte lieber politikwissenschaftliche Veranstaltungen und engagierte sich u.a. 2010 als Betreuerin der Freiburger Teilnehmer am Planspiel der Vereinten Nationen “National Model United Nations (NMUN)”. Mit Erfolg, denn die Delegation wurde in New York für ihren Auftritt ausgezeichnet. Mit den klinischen Semestern nahm Carolis Studium richtig Fahrt auf. Die nunmehr vorhandene Anwendungsorientierung der Fächer und die Patientenkontakte seien entscheidend gewesen und hätten sie in der Studienwahl bestätigt. Es folgte das fachliche Engagement als studentische Hilfskraft, Mitarbeit in Projekten und Praktika. Die Sehnsucht nach der Ferne blieb bestehen. Caroli absolvierte Famulaturen u. a. in Prag und Paris und legte im Praktischen Jahr eine Station im belgischen Gent ein.

Freizeit knapp bemessen

Einen weiteren Nebeneffekt hatte ihr gesellschaftswissenschaftliches Interesse: Caroli lernte in den fachfremden Veranstaltungen an der Universität Freiburg einen Studenten der Politikwissenschaften erst kennen und dann lieben. Miguel, der inzwischen längst promoviert hat und im Berufsleben steht, ist sie nach Berlin gefolgt und hat die Heimat zurückgelassen. Inzwischen, so Caroli, fühlt sie sich in der Hauptstadt zwischen einem angenehmen kollegialen Miteinander und dem neuen Freundeskreis ausgesprochen wohl.

Etwas eingetrübt ist die Lage durch die Corona-Einschränkungen, die viel Sozialleben und auch den ausgleichenden Besuch im Fitnessstudio verhindern. “Wenn ich zuhause bin, bin ich eher platt.” Andererseits ist die Freizeit ohnehin knapp bemessen, denn neben ihrer Krankenhaustätigkeit bereitet sich Caroli systematisch auf die demnächst anstehende Facharztprüfung vor.

Ihr Weg ist jedoch noch lange nicht zu Ende. Den Kontakt zu Patienten möchte sie nicht missen. Aber für die Zukunft nach der Facharztausbildung kann sie sich auch eine mehr politische oder soziale Ausrichtung vorstellen: einschlägige Verbandsarbeit oder Mitarbeit bei Hilfsorganisationen wie “Ärzte ohne Grenzen” kommen infrage, oder vielleicht ein längerer Aufenthalt in Spanien, der Heimat ihres Lebensgefährten, wenn sich dort eine adäquate Aufgabe für sie findet. Und dann ist da noch der Familienmensch Caroli, der “Klamöttchen” für ihre Neffen und Patenkinder schneidert. Möglicherweise kommen in den nächsten Jahren eigene Kinder dazu. Bis dahin will sie richtig Spanisch lernen. Aber zunächst ist erst einmal die Facharztprüfung angesagt.

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