Freitag, 30. September 2022

Können wir Weihnachtsmärkte noch genießen?

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Der abendliche Besuch des Weihnachtsmarktes gehört für viele Menschen zu den Traditionen der kalten Jahreszeit. Doch im Hinblick auf Bedrohungen durch terroristische Anschläge, Energiekrise und die Corona-Pandemie, mischen sich auch Ängste und Unsicherheit unter die fröhliche Stimmung. Kann man das bunte vorweihnachtliche Treiben noch genießen, wenn neben Tannenzweigenduft und Heimlichkeit auch Aerosole und Energiespargebote in der Luft liegen?   

Frank Hakelberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes, blickt auf zwei turbulente Jahre zurück. Aber Diskussionen um die Sicherheit auf Volksfesten und Weihnachtsmärkten sieht er schon seit über zehn Jahren vermehrt aufflammen. Initialzünder dieser Debatte sei die Katastrophe auf der Love Parade 2010 in Duisburg gewesen. “Das war eine tiefe Krise auch für das Schaustellergewerbe, weil nach diesem Unglück eine große Diskussion über die Sicherheit von Volksfesten und Weihnachtsmärkten begann.” Aber auch das Attentat auf dem Breitscheidplatz im Jahr 2016 stelle eine Zäsur dar. Erste Forderungen nach der Absage von Märkten und Volksfesten wurden nach diesem Ereignis laut. Die Tat leitete aber auch eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen ein. Auf diese Weise tradierte sich die Flexibilität und Reaktionsfähigkeit der Schaustellenden. Deshalb sei es gelungen nach der plötzlichen und unvorhergesehenen Absage aller Weihnachtsmärkte im Winter 2020, im Folgejahr mit einem breiten Maßnahmenkatalog auf die neue Situation zu reagieren. Eine Notwendigkeit, denn die voreilige Absage der vorweihnachtlichen Veranstaltungen habe die Schausteller*innen vor beträchtliche finanzielle Herausforderungen gestellt. Kritik am damaligen Vorgehen der Bundesregierung erfolgt allerdings nicht ausschließlich seitens der Schaustellenden.  

Weihnachtsmärkte nicht voreilig zum Pandemietreiber erklären

Folgt man den Ausführungen Dr. Gerhard Scheuchs, dann braucht es nur wenige Sätze, um die Position des ehemaligen Präsidenten der International Society for Aerosols in Medicine zur Absage von Volksfesten und Weihnachtsmärkten herauszufiltern. “Die Absage der Weihnachtsmärkte war unsinnig”, resümiert der Mediziner. Den damaligen Konsens über die Absage der Veranstaltungen versteht Scheuch als Ergebnis eines politischen Narratives. Politiker seien in dieser Debatte federführend durch Virolog*innen beraten worden. Diese zogen Aerosole als potenzielle Übertragungsquelle der Corona-Erkrankung lange nicht in Betracht. So wurde die Tröpfcheninfektion zum zentralen Akteur des Verbreitungsgeschehens erklärt. Stimmen von Mediziner*innen deren Expertise sich auf Aerosole bezieht hätten hingegen lange kein oder nur wenig Gehör gefunden. Eine Reihe unsinniger Maßnahmen sei dieser Fehlkonzeption entwachsen. So zum Beispiel die Absage von Volksfesten und Weihnachtsmärkten. In diesem Zusammenhang bekräftigt Scheuch seine Forderung nach Open-Air-Veranstaltungen. Im freien sei die Infektionsgefahr vernachlässigbar und der Aufenthalt unter freiem Himmel stärke gleichzeitig das Immunsystem. “Im Außenbereich ist das Risiko sich zu infizieren am geringsten. Wir müssen Veranstaltungen im Freien unbedingt stattfinden lassen, damit die Leute an die frische Luft gehen. Alles was draußen stattfindet ist zu begrüßen”, so Scheuch.

Die Befürchtung, dass sich die Fehler der Vergangenheit wiederholen könnten, teilt der Aerosol-Experte allerdings nicht. Er ist der Überzeugung, dass Politiker*innen in den zwei Pandemiejahren Erfahrung gesammelt und dazugelernt haben. “Diese Fehler sollten nicht mehr passieren, ich glaube sie passieren auch nicht mehr. Ich bin zuversichtlich, dass in diesem Jahr die Veranstaltungen stattfinden können. Wie will man einen Weihnachtsmarkt schließen, aber gleichzeitig Fußballspiele mit 30.000 Zuschauern erlauben? Das ist nicht zu vermitteln.”   

Zwischen Corona, Energiekrise, Tradition und Schaustellerexistenzen

Neben möglichen Coronaausbrüchen stehen Weihnachtsmärkten in diesem Jahr allerdings noch weitere Hürden im Weg. Auch die europäische Energiekrise ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine fordert die Durchführung der Weihnachtstradition heraus. Umfassende Energiesparmaßnahmen könnten auch den festlich beleuchteten Weihnachtsmärkten ihren Glanz rauben. 

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes spricht sich klar gegen das Aussetzen der Märkte als Energiesparmaßnahme aus. Die Betriebe hätten schon lange kostensparende LED-Lichtmittel in ihre Fahrzeuge verbaut. Auf diese Weise sei der pro Kopf Energieverbrauch der Besucher*innen geringer als dies in privaten Haushalten der Fall sei. Der Vorschlag sei vor allem politischer Opportunität geschuldet, denn der reellen Wirkungsmacht der Maßnahme. “Die Versuchung an dieser Schraube zu stellen ist groß, weil sie so leicht zu drehen ist.” Völlig außer Acht gelassen würden bei diesem Vorgehen die finanziellen Konsequenzen für die Schaustellenden, aber auch für die Betreiber*innen von Läden und Geschäften in den Innenstädten. Eine rein monetäre Perspektive auf die Märkte verkennt allerdings ihre soziale Bedeutung.

Die bedeutende Rolle des Weihnachtsmarktes als lokaler gesellschaftlicher Fixpunkt einer Gemeinde ist Marco von Dobschütz-Dietl, Leiter der Nürnberger Märkte, wohl bekannt. Neben der monetären Funktion verweist er auch auf die soziale Bedeutung des Marktes und dessen Auswirkungen auf das städtische Leben. “Wir leben bereits in einer Zeit mit vielen Turbulenzen: die Absage des Marktes würde aufs Gemüt schlagen. Menschen sehnen sich danach auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Nach zwei Jahren Pandemie braucht man einen Schub.” Weihnachtsmärkte versteht der Dienststellenleiter als schützenswertes Kulturgut. Nichtsdestotrotz planen die Organisator*innen des Christkindlmarktes Raum für Anpassungen ein. Bisher ist angedacht den Markt zentral zu organisieren, Änderungen im Bedarfsfall könnten mit angemessenem zeitlichem Vorlauf allerdings umgesetzt werden. Daran den Markt vollständig absagen zu müssen glaubt von Dobschütz-Dietl jedoch nicht. Insbesondere da anzuzweifeln sei, ob nach einem weiteren Ausfall ein Weihnachtsmarkt in bekannter Form noch möglich ist. Die häufig nebenberuflich agierenden lokalen Händler*innen sähen zunehmend keinen Mehrwert mehr in den Aktivitäten auf dem Markt.  Auch sei es bedeutend schwerer Servicepersonal für die Arbeit auf den Märkten zu rekrutieren. Die rumänischen Saisonkräfte, welche in den letzten Jahren wichtige Serviceleistungen erbrachten, hätten sich nach zwei Jahren Ausfall anderen Tätigkeiten zugewandt, stellt Branchensprecher Hakelberg fest.    

Mediziner, Branchensprecher und Amtsträger demonstrieren Einigkeit über die ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung der Weihnachtsmärkte. Die Märkte im November und Dezember sind für Schausteller*innen, die Gemeinden aber auch die Besucher*innen von großer Wichtigkeit. Es bleibt also zu hoffen, dass eine pandemiekonforme, energiesparende und besinnliche Durchführung der traditionsreichen Veranstaltungen gelingt.

Die komplette Diskussionsrunde findet ihr in der Mediathek auf www.neuestadt.org

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