Frankfurt am Main, November 2022: Ein Mann bedroht zwei Mitarbeitende eines Jobcenters mit einem Messer. Anlass ist ein abgelaufener Lebensmittelgutschein. Mannheim, Mai 2024: Der 29-jährige Polizeihauptkommissar Rouven Laur wird bei einem Angriff schwer verletzt, er stirbt wenige Tage später im Krankenhaus. Stade, Juni 2026: Ein 45-Jähriger erschießt sechs Menschen, die in einer Jugendhilfeeinrichtung und im Jugendamt beschäftigt waren.
Diese Meldungen sind schrecklich, die Chronologie ließe sich leider noch beliebig ergänzen. Und es gibt viele Vorfälle, die es nicht in die Schlagzeilen schaffen. Immer wieder werden Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes, die den Staat am Laufen halten, Opfer von Gewalt. Das ist durch nichts zu rechtfertigen. Menschen dürfen nicht zur Zielscheibe werden, bloß weil sie ihren Job machen.
Klar, im Vollzugsdienst gehören unschöne Szenen in einem gewissen Rahmen zur Jobbeschreibung. Dass ein betrunkener Randalierer oder eine auf frischer Tat ertappte Einbrecherin sich nicht über ihre Festnahmen freuen und die Polizei freundlich begrüßen, ist logisch. Die Kolleg*innen sind für solche Situationen ausgebildet. Trotzdem gibt es auch hier Grenzen. Beleidigungen, Übergriffe und körperliche Gewalt gehen nicht spurlos an einem vorbei. In den Uniformen stecken Menschen, keine Roboter, an denen alles abperlt. Besorgniserregend ist, dass die Gewalt auch immer mehr Beschäftigte außerhalb des Vollzugsdienstes trifft. Zum Beispiel im Sozialamt oder in der Lebensmittelkontrolle. Besonders erschütternd sind Angriffe auf alle, deren Aufgabe es ist, Menschenleben zu retten. Leider werden auch Rettungskräfte zu Opfern.
Jede vierte Person im Öffentlichen Dienst erlebt Gewalt
Die Datenlage ist durchwachsen, weil die Fälle kaum systematisch erfasst werden. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Eine umfassende Studie haben Gewerkschaften und das Bundesinnenministerium im Jahr 2022 vorgelegt: Demnach war jede vierte Person im Öffentlichen Dienst schon einmal mit Gewalt konfrontiert.
Aufschluss geben auch Erhebungen, die bestimmte Sparten des Öffentlichen Dienstes betreffen: Die körperliche und psychische Gewalt in den Schulen hat in den vergangenen fünf Jahren eher zugenommen, berichten 60 Prozent der befragten Schulleitungen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hat. Und nach Angaben der Bahn sind die Übergriffe auf Zugbegleiter*innen im ersten Halbjahr 2026 angestiegen: Die Statistik verzeichnet 989 Vorfälle, darunter 781 Vorfälle von leichter Körperverletzung. Diese Erhebungen zeigen, dass der Trend in eine besorgniserregende Richtung geht. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen der Gewerkschaftsmitglieder.
Was tun angesichts der Lage? Grundsätzlich muss sich der Staat hinter seine Beschäftigten stellen und sowohl nach innen als auch nach außen eine Null-Toleranz-Strategie vertreten. Niemand darf allein gelassen werden, wir müssen die Justiz stärken und Vorfälle konsequent verfolgen. Dann braucht es bundesweite Melde- und Auskunftssysteme. Es kann nicht sein, dass Behörde B nicht davon weiß, wenn jemand bereits in Behörde A randaliert hat. Und zuletzt müssen wir die Eigensicherung verbessern: durch Information, durch Fortbildungen, durch bauliche Maßnahmen wie Fluchttüren und Notknöpfe.
All diese Maßnahmen bekämpfen allerdings nur die Symptome. Langfristig müssen wir an die Ursachen heran. Wenn nur noch 17 Prozent der Bevölkerung den Staat für handlungsfähig halten, dann ist das ein Riesenproblem. Der Öffentliche Dienst muss funktionieren und in der Lage sein, sich um die Anliegen der Menschen zu kümmern. Investitionen in mehr Personal, Digitalisierung und Bürokratieabbau tragen dazu bei, den Frust zu mindern – und damit auch die Gewaltbereitschaft.



