Wenn du an die Bundeswehr denkst, hast du vielleicht zuerst Uniformen, starre Hierarchien und Drill im Kopf. Bloß nicht auffallen, bloß alle gleich sein? Dieses Bild kommt nicht von ungefähr. Gerade deshalb ist die Frage nach Vielfalt in der Bundeswehr so brisant. Denn eine Institution, die vorgibt, unsere Freiheit und das Grundgesetz zu verteidigen, muss sich daran messen lassen, wie ernst sie die Würde und Gleichberechtigung der eigenen Angehörigen tatsächlich nimmt.
Vielfalt darf für die Bundeswehr dabei nicht bloß ein modernes Schlagwort oder ein Imageprojekt sein. Sie muss zum innersten Selbstverständnis gehören. Schließlich verteidigt die Truppe nicht irgendein abstraktes Staatswesen, sondern eine demokratische Ordnung, die auf der Unantastbarkeit der Menschenwürde beruht. Umso widersprüchlicher ist es, wenn ausgerechnet innerhalb dieser Institution Menschen noch immer erleben, dass sie wegen ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität nicht selbstverständlich dazugehört werden.
Warum Vielfalt mehr sein muss als ein Standortvorteil
Die Bundeswehr steht unter Druck – gesellschaftlich, politisch und personell. Sie konkurriert wie andere Arbeitgeber*innen um Nachwuchs, Fachkräfte und Vertrauen. Aber Vielfalt darf nicht erst dann wichtig sein, wenn sie die Einsatzbereitschaft erhöht oder bei der Personalgewinnung hilft.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Niemand sollte in der Bundeswehr das Gefühl haben, nur unter Vorbehalt akzeptiert zu sein. Wer einen Teil der eigenen Identität verstecken muss, um nicht anzuecken, kann sich nicht frei und authentisch einbringen. Wenn queere Soldat*innen ihre Energie in Selbstschutz statt in ihren Auftrag investieren müssen, ist das nicht nur ein persönliches Problem – es ist auch ein Versagen der Institution.
Ein langer Schatten der Vergangenheit
Beim Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt hat sich in den letzten Jahren ohne Frage viel bewegt. Doch diese Entwicklung darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie tief das Problem historisch verwurzelt ist. Homosexuelle Soldat*innen wurden bis weit ins Jahr 2000 hinein systematisch diskriminiert, in ihrer Karriere behindert oder aus dem Dienst gedrängt. Dieses Unrecht wurde spät anerkannt und noch später rehabilitiert.
Dass es heute eine Diversity-Strategie, Ansprechstellen und offizielle Bekenntnisse gegen Diskriminierung gibt, ist wichtig – aber es ist zunächst nur die Grundlage. Entscheidend ist, was im Alltag ankommt. Zwischen Leitbild und Lebensrealität klafft oft noch eine Lücke. Vorurteile, Unsicherheit und abwertende Haltungen verschwinden nicht allein dadurch, dass sie auf dem Papier nicht mehr vorgesehen sind. Gerade in einer Organisation wie der Bundeswehr, die stark von Tradition und Anpassungsdruck geprägt ist, braucht Veränderung mehr als gute Worte.
QueerBw: Sichtbarkeit als Notwendigkeit, nicht als Kür
Genau deshalb sind Vereine wie QueerBw so wichtig. Sie sind nicht bloß ein ergänzendes Netzwerk für eine ohnehin funktionierende Institution. Sie sind notwendig, weil Schutzräume, gegenseitige Unterstützung und politische Interessenvertretung weiterhin gebraucht werden. Dass es solche Räume braucht, ist auch ein Hinweis darauf, dass Akzeptanz noch nicht überall selbstverständlich ist.
QueerBw schafft Sichtbarkeit – auf dem CSD, beim Veteranentag, in Gesprächen mit Führungskräften und im politischen Raum. Diese Sichtbarkeit ist mehr als Symbolik. Sie macht deutlich: Queere Menschen dienen nicht trotz ihrer Identität, sondern als selbstverständlicher Teil dieser Bundeswehr. Gleichzeitig erinnert sie die Institution daran, dass Vielfalt nicht erreicht ist, nur weil sie inzwischen offiziell mitgemeint wird.
Was andere Behörden daraus lernen können – und was nicht
Der öffentliche Dienst insgesamt tut sich oft schwer mit Veränderung. Insofern zeigt die Bundeswehr tatsächlich, dass auch starre Institutionen sich bewegen können. Die Lehre ist, wie mühsam Veränderung wird, wenn Strukturen jahrzehntelang Menschen unsichtbar machen.
- Klare Haltung von oben reicht nicht allein. Führung muss Vielfalt nicht nur benennen, sondern konsequent durchsetzen – auch dann, wenn es unbequem wird.
- Netzwerke sind kein Bonus, sondern ein Korrektiv. Queere Beschäftigte brauchen Räume, um sich zu organisieren und Missstände sichtbar zu machen.
- Offenheit muss sich im Alltag beweisen. Nicht Kampagnen oder Leitbilder entscheiden, sondern ob Menschen ohne Angst vor Abwertung arbeiten können.
Der Weg zu gelebter Vielfalt ist kein Sprint, sondern ein langer Marsch. Die Bundeswehr ist auf diesem Weg nicht mehr am Anfang – aber sie ist auch noch längst nicht am Ziel. Gerade weil sie für demokratische Werte steht, muss sie sich an ihnen konsequent messen lassen.

Anastasia Biefang ist seit 2019 stellvertretende Vorsitzende von QueerBw. Sie ist Oberst im Generalstab, seit 1994 Soldatin und dient zurzeit im Bundesministerium der Verteidigung.



