Streetwork – ungemütliche Arbeit?

Wo keiner hinsieht

Must read

Was charakterisiert ungemütliche Arbeit? Was macht sie aus? Wir beschäftigen uns täglich mit gesellschaftlichen Tabu-Themen wie Wohnungs- und Obdachlosigkeit, Sucht, Tod, Prostitution, Kriminalität und diversen Traumata. Aber ist das automatisch ungemütlich?

Wir sind ein Team von drei Sozialarbeiter*innen bei einem lokalen freien Träger der Sucht- und Wohnungslosenhilfe in Bonn. Unser Büro ist angegliedert an weitere Angebote unseres Arbeitgebers, wie einem Drogenkonsumraum, einem Kontaktcafé, einer Kleiderkammer, einer medizinischen Ambulanz und einer Beratungsstelle. Durch die zentrale Lage auf der Hinterseite des Bonner Hauptbahnhofs, sind unsere Angebote gut für die Adressat*innen zugänglich, während wir unsere Zielgruppe und deren Treffpunkte ebenfalls gut aufsuchen können. Außerdem erlaubt uns die Zusammenarbeit mit diversen Hilfeträgern innerhalb der Stadt, möglichst viele betroffene Menschen zu erreichen.

An einem typischen Arbeitstag treffen wir uns morgens im Büro, besprechen wichtige Vorkommnisse und tauschen uns über anstehende Termine und Pläne aus. Daraufhin gehen wir, teils vermehrt täglich, die Bonner Innenstadt ab und suchen Szenetreffpunkte, sowie Schlafplätze auf. Auch in den äußeren Stadtbezirken sind wir regelmäßig präsent. Was während dieser Rundgänge passiert, kann man nicht vorhersagen. Mancher Tag besteht aus vielen netten Gesprächen, gutem Wetter und Adressat*innen die pünktliche zu Terminen erscheinen. Manchmal hingegen ist die Stimmung angespannt, oder wir begegnen Menschen in akuten Krisensituationen, dazu zählen Suizidalität, Gewalt oder medizinische Notfälle.

Zusätzlich schwingen über all dem die ohnehin bestehenden Probleme unserer Adressat*innen: Wohnungsnot, Suchtproblematiken, psychische- und physische Erkrankungen, Straffälligkeit und in einigen Fällen auch ein fehlender Leistungsbezug oder -anspruch, was auch eine fehlende Krankenversicherung bedingt. Somit gehören zu unserer täglichen Arbeit Vermittlungen in Notschlafstellen, Begleitung zu Terminen jeglicher Art – vom Gynäkologen über das Jobcenter bis zu Gerichtsterminen, der Kontakt zu gesetzlichen Betreuer*innen und Vermittlungen in medizinische Hilfen –  Substitutionsbehandlungen, Entgiftungen/Entzüge, Allgemeinmedizin, Infektiologie oder Notfallmedizin. Weiterhin unterstützen wir unsere Adressat*innen bei der Antragstellung von Leistungen, z.B. Bürgergeld, Arbeitslosengeld I, Grundsicherung oder Wohnberechtigungsscheine.  

Im Winter achten wir vermehrt auf die Draußenschläfer*innen, suchen morgens Schlafplätze auf, verteilen Isomatten sowie Schlafsäcke und weisen häufiger auf die Gefahren des draußen Schlafens hin. Außerdem achten wir, andere Hilfeträger und auch das Ordnungsamt verstärkt darauf, dass möglichst viele Menschen Zugang zu Notunterkünften erhalten. Im Sommer hingegen verteilen wir Wasserflaschen und weisen auf die städtischen Trinkbrunnen und die Gefahren der Hitze hin.

Trotz der diversen Problemlagen die unsere Adressat*innen mitbringen, bleiben uns vor allem die schönen Momente in Erinnerung. Dazu zählen vertraute Gespräche, humorvolle Begegnungen, kleine und große Erfolge, Ehrlichkeit und Dankbarkeit. Auch wenn unsere Adressat*innen meistens unsere Unterstützung in Anspruch nehmen, gibt es immer wieder Situationen in denen Adressat*innen uns den Rücken stärken, sei es mit lieben Worten oder dadurch, dass sie sich um uns sorgen.

Für viele Menschen wirkt unsere Arbeit ungemütlich, für uns sind allerdings insbesondere die Situationen ungemütlich, in denen wir an die Grenzen des Hilfesystems stoßen, nicht die Konfrontation mit den Lebensrealitäten unserer Adressat*innen. Unsere Arbeit ist so vielschichtig und divers wie die Schicksale und Lebenswege unserer Zielgruppe, allerdings haben wir als Sozialarbeiter*innen selbst ausgewählt in diese Wirklichkeiten einzutauchen, während viele unserer Adressat*innen kaum andere Optionen hatten.

Die Arbeit in der Sucht- und Wohnungslosenhilfe ist mit Sicherheit nicht immer einfach, dennoch können wir uns nichts anderes vorstellen und sind froh über so viel Flexibilität und Abwechslung in unserem Arbeitsalltag.


Foto: VFG

Hanna ist 24 Jahre alt und arbeitet seit 1,5 Jahren im Streetwork.

Foto: VFG

Sarah ist 27 Jahre alt und arbeitet seit 5 Jahren im Streetwork.

- Werbung -

More articles

Latest article