Samstag, 25. April 2026

Für einen Bauwende-Turbo

Extrem - das neue Normal

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WEtransFORM in der Bundeskunsthalle

Vor einer Weile meldete sich der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhard, mit einer bemerkenswerten Pressemeldung zu Wort: Darin forderte er eine nationale Strategie für einen verbindlichen Hitzeschutz. Bei Temperaturen um die 40 Grad steige das Risiko für hitzebedingte Gesundheitsschäden deutlich an. Besonders gefährdet seien Senior*innen, Kranke, Schwangere und Kinder. Aber auch für gesunde Erwachsene stellt extreme Hitze eine ernstzunehmende Belastung dar, sodass es zu Schwächeanfällen und Kreislaufversagen kommen kann.

Diese Forderung ist insofern bemerkenswert, als dass sie einmal mehr verdeutlicht, wie der Klimawandel inzwischen zu unserem Alltag gehört – und wir noch immer nicht wirklich darauf vorbereit sind. Dabei ist schon seit Jahrzehnten klar, dass Extremwettereignisse wie Dürre, Hitze und Brände auf der einen und Starkregen und  Überflutungen auf der anderen Seite immer häufiger auftreten. Flutkatastrophen wie im Ahrtal 2021 oder Waldbrände in Thüringen und Sachsen 2025 führen unmissverständlich vor Augen, dass wir uns hierzulande dringend um mehr Klimaschutz kümmern müssen.

Architektur und Stadtentwicklung spielen in diesem Zusammenhang eine gewichtige Rolle. Dabei geht es um zwei grundlegende Herausforderungen:

Erstens müssen wir unsere gebaute Umwelt an die klimatischen Veränderungen anpassen. Gerade in den Städten bilden sich aufgrund von Asphalt, Beton und Glas extreme Hitzeinseln. Gleichzeitig verhindern die versiegelten Flächen ein Versickern des Regenwassers, sodass Überflutungen begünstigt werden.  

Zweitens ist der Bausektor einer der großen Treiber des Klimawandels insgesamt: Er ist verantwortlich für mehr als 30 % des globalen Ressourcenverbrauchs, mehr als 30 % der weltweiten CO2-Emissionen und mehr als 50 % des Abfalls in Deutschland. Umgekehrt stellt er damit einen gewaltigen Hebel dar, mit dem sich vieles zum Positiven verändern ließe. Deshalb plädieren Architekt*innen und Stadtentwickler*innen schon seit einer Weile für eine grundlegende Bauwende.

Im Jahr 2019 hat Ursula von der Leyen daher auch im Rahmen des Green Deals das Neue Europäische Bauhaus ausgerufen. Spätestens damit war das Ziel eines klimaneutralen Europas und einer Erneuerung des Bausektors parteiübergreifend in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Trotzdem hat die Bauwirtschaft 2024 ihre Klimaziele erneut verfehlt. Und dass diese Ziele neuerdings von der Politik wieder in Frage gestellt werden, kommt  einer Realitätsverweigerung gleich, welche die jüngere Generationen noch einmal teuer zu stehen kommen wird. Statt weniger brauchen wir sehr viel mehr Klimaschutz und eine sehr viel größere Anstrengung aller Beteiligten als bisher. Die Zeit läuft uns längst davon.

Vor diesem Hintergrund präsentieren wir in der Ausstellung „WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens“, die noch bis zum 25. Januar 2026 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen ist, rund 80 Projekte aus Europa, die sich auf vorbildliche Weise für eine nachhaltige Architektur und Stadtentwicklung engagieren. Diese Projekte sind in acht thematische Cluster gegliedert, die zugleich als leitende Gestaltungsprinzipien betrachtet werden können. Dazu zählen

Klimaresilienz stärken / Biodiversität fördern / Genügsamkeit üben / Bestand revitalisieren / Kreisläufe optimieren / Experimente wagen / Aktiv werden.

Eine der einfachsten und zugleich wichtigsten Lösungen besteht dabei in einem bewussteren Umgang mit der Natur – allen voran einer massiven Aufforstung und Begrünung unserer Städte. Pflanzen sind bislang die effizientesten Maschinen, um schädliche Treibhausgase in Sauerstoff umzuwandeln. Sie spenden Schatten, reduzieren Lärm, verbessern das Mikroklima, bieten Lebensräume für Insekten und Tiere und werden von den meisten Menschen als wohltuend empfunden. Die Förderung der ökologischen Vielfalt kann daher gar nicht hoch genug wertgeschätzt werden.

Ein weiteres Grundprinzip besteht in der generellen Reduzierung unseres Ressourcenverbrauchs. Im Bausektor kann das auf verschiedene Weise erreicht werden. Als erstes sollte man sich die Frage stellen, was überhaupt gebraucht wird – und ob nicht auch weniger genügt. Nicht immer ist das, was uns als attraktiv erscheint, auch tatsächlich sinnvoll. Zweitens wäre zu überlegen, wie wir mit dem umgehen, was wir bereits haben. Gerade in bestehenden Gebäuden steckt bereits eine Menge an Material und Energie. Das alles einfach abzureißen und neu zu bauen, ist in vielen Fällen eine krasse Verschwendung. Stattdessen gibt es viele Möglichkeiten für kreative Umnutzungen und Umbauten, die in der Regel auch sehr viel günstiger sind. Drittens können existierende Materialien wie Fenster, Holzbalken oder Ziegelsteine wiederverwertet werden. Damit wird die Stadt zum Rohstofflager, das mit Hilfe von Urban Mining für digital optimierte Materialkreisläufe genutzt werden kann. Und viertens sollte man sich bei Neubauten für umweltfreundliche und nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Lehm oder Stroh entscheiden. Da ist inzwischen vieles möglich.  

Am Ende eines Rundgangs durch unsere WEtransFORM Ausstellung steht oft die Erkenntnis, dass es bereits sehr viel Wissen und sehr viele Ideen gibt, was der Bausektor gegen den Klimawandel tun könnte. Damit einher geht dann häufig die Frage, warum wir im Alltag so wenig davon sehen. Einmal mehr fehlt es also nicht am Know How, sondern am politischen Willen und der praktischen Umsetzung.

Bürokratie spielt in diesem Zusammenhang leider keine sehr rühmliche Rolle. Rund 20.000 Vorschriften, Regularien und Normen haben das Bauen in Deutschland zu einem komplizierten, langsamen, teuren und riskanten Unterfangen gemacht, das mehr und mehr Architekt*innen kapitulieren lässt. Entbürokratisierung ist deshalb auch hier dringend geboten. Allerdings nicht ohne gesamtgesellschaftliche Vision und konzeptionellen Rahmen. Da der Bausektor noch immer einer der größten Klimatreiber ist, müssen Entbürokratisierung auf der einen und regulative Steuerung für mehr Klimaschutz auf der anderen Seite miteinander Hand in Hand gehen. Vorschläge hierfür wie den Gebäudetyp E (Einfach bauen) oder die europäische Bürgerinitiative HouseEurope! zum Schutz des Gebäudebestandes gibt es bereits. Jetzt geht es darum, diese auch gesetzlich zu verankern. Was wir brauchen, ist also gewissermaßen einen Bauwende-Turbo…

WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens.
noch bis zum 26.01.2026 in der Bundeskunsthalle in Bonn.


Sven Sappelt ist Kurator an der Bundeskunsthalle und hat zusammen mit Eva Kraus die WEtransFORM Ausstellung kuratiert.

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