Wenn es Mitternacht wird und wir die Türen unserer Transporter schließen, noch einmal gemeinsam im Kreis stehen und unsere Wege als Team sich dann für diesen Abend trennen, ist es auch für die obdach- und wohnungslosen Menschen Zeit, sich einen Schlafplatz zu suchen. Tagsüber stehen diverse Hilfsangebote zur Verfügung, doch gerade nachts nehmen Kälte, Isolation und die Gefahr von Gewalt zu. Wir, die mobile Hilfe für obdachlose Menschen, versuchen, diese Versorgungslücke zwischen 22:00 und 0:15 Uhr zu schließen.
Tagsüber finden in unserem Lager alle Vorbereitungen statt. Dazu zählen u.a. die Organisation, Reparaturen, Busreinigung, Abholungen, Spendenannahmen und Sortierungen. Nachmittags werden von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen die Brötchen geschmiert, belegt und die Kuchenstücke verpackt. Abends fahren dann unsere Teams von mind. 7 Leuten los und versorgen die Menschen, die in unserer Gesellschaft meistens ungehört bleiben.
Zweimal im Monat fährt unser gutenachtbus für Frauen parallel raus, weil die Hemmschwelle oft groß ist und Frauen in einem geschützten Raum offener über ihre Bedürfnisse und schambehafteten Themen sprechen können. Am Wochenende leisten kleine Teams von uns Streetwork vor Ort – mit warmen Suppen, Schlafsäcken und Zeit für Gespräche suchen sie gezielt Schlafstellen auf. Zudem ergänzt Montags der „Pflasterlaster“ der Johanniter, als mobile Arztpraxis, unser Angebot.
Jeder Abend folgt zwar einer klaren Linie, und ist dennoch immer verschieden. Während zwei bis drei Leute an der Längsseite des Busses hinter der Bierzeltgarnitur stehen und Suppe, Brötchen oder Gebäck ausgeben, herrscht am Heck ebenfalls Hochbetrieb, – hier werden, je nach Wochentag, Kleidung oder Hygieneartikel verteilt. Im Inneren des Busses, an der umgebauten Theke, ist der „Barista-Einsatz“ gefragt: Kaffee, Tee und Kakao gehen hier im Akkord über den Tresen. Draußen auf dem Platz behalten ein bis zwei weitere Personen den Überblick. Sie verteilen Flyer, halten Smalltalk und haben vor allem eines im Blick: die Dynamik.
Wir arbeiten nämlich mit Menschen, nicht mit Akten. Viele unserer Gäste kämpfen mit Suchtproblemen. Das bedeutet auch, dass Emotionen oft ungefiltert und ungebremst bei uns landen. Nicht jede*r ist in der Lage, ständig so zu reagieren, wie man es sich wünschen würde. Ja, es gibt sie, die Momente, die richtig ungemütlich werden. Wenn Beschimpfungen fliegen oder die Situation so weit eskaliert, dass wir die Polizei rufen müssen. Das gehört zur Realität in der Obdachlosenhilfe dazu und lässt niemanden kalt.
Warum wir das trotzdem machen? Weil wir nicht unvorbereitet sind. Deeskalationstrainings, Workshops in der Drogenhilfe und ein eingespieltes Team, auf das wir uns verlassen können.
Wenn wir über Obdachlosenhilfe sprechen, landen wir auch schnell beim Thema Spenden. Unsere Lagerkapazitäten sind leider begrenzt. Deshalb führen wir online eine aktuelle Bedarfsliste. Je gezielter gespendet wird, desto effizienter können wir vor Ort helfen. Manchmal werden wir gefragt, warum bestimmte Dinge nicht auf der Liste stehen. Das hat Gründe, die oft mit der Sicherheit und der Würde der Betroffenen zu tun haben. Crop-Tops – diese sehen im Club vielleicht cool aus, auf der Straße sind sie aber oft ein Sicherheitsrisiko. Dann zerschlissene Jeans? Der „Used-Look“ mag zwar Trend sein, doch für Menschen ohne festen Wohnsitz ist er kontraproduktiv. Viele unserer Gäst*innen kämpfen täglich darum, eben nicht sofort als „obdachlos“ abgestempelt zu werden. Intakte, saubere und passende Kleidung ist für sie ein Werkzeug, um ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe und Würde zu wahren.
Wir als Gesellschaft haben zudem eine Verantwortung, die über Spenden hinaus geht. Ich denke, wir sollten respektvoll, menschlich und stets auf Augenhöhe sein. Schaut bitte nicht weg, aber auch niemals herab. Diese Menschen verdienen Respekt für ihren täglichen Überlebenskampf und Räume, in denen sie einfach Mensch sein dürfen! Manchmal ist ein einfaches: „Tut mir leid, ich habe kein Geld, pass auf dich auf.“, viel mehr wert, als mit gesenktem Blick vorbei zu laufen. Es geht darum, die tatsächlichen Bedürfnisse ernst zu nehmen, statt unsere eigene Sichtweise aufzuzwingen. Es steht uns nicht zu, zu urteilen.
Am Ende eines jeden Abends steht fest: Die Arbeit ist manchmal hart, manchmal laut und oft herausfordernd. Aber sie ist echt. Und genau darauf kommt es an!

Jarmila arbeitet im Lager für den gutenachtbus Düsseldorf und ist ehrenamtlich für ein Nebenprojekt, den gutenachtbus für Frauen, tätig. Sie ist hauptberuflich Gesundheits- und
(Kinder)Krankenpflegerin in einer großen Notaufnahme. Dort anzupacken, wo das Leben keine Umwege mehr macht, hat sie schon immer erfüllt.



