Samstag, 25. April 2026

Wie Stadt, Natur, Gewässer und Klima zusammenfinden

Extrem - das neue Normal

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Mitte der 1990er Jahre floss die Ruhr in Arnsberg auf rund 32 Kilometern schnurgerade, eingezwängt zwischen mit Steinen bzw. Betonteilen befestigten Ufern und begradigten Flussabschnitten, durch das Stadtgebiet von Arnsberg. Hochwasserschutz war ein Fremdwort, der ökologische Zustand beklagenswert und die Flusslandschaft für Anwohner*innen und Tourist*innen unattraktiv. Diese Uferbefestigungen, nahe Verkehrswege und fehlende Überschwemmungsflächen nahmen dem Fluss jede Chance auf eigene Dynamik.

In den 90er Jahren gab es in Deutschland einige größere Hochwasserereignisse mit vielen Schäden an Verkehrswegen und Gebäuden. Das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) machte es sich daraufhin zum Ziel, die Hochwassergefahren zu mindern, und stellte den sogenannten „Hochwasseraktionsplan Ruhr“ auf. Die darin durchgeführten Berechnungen ergaben eine besondere Gefährdung des Arnsberger Stadtgebiets. Im Falle eines Jahrhunderthochwassers der Ruhr, wäre etwa die Hälfte aller Schäden hier angefallen.

Die Stadt wird aktiv

Um diesem Schadenspotenzial entgegenzuwirken begann die Stadt ab 2003, Renaturierungsmaßnahmen durchzuführen. Der Handlungsbedarf war immens. Die umsetzbaren Maßnahmen ließen sich aufgrund des hohen Finanz- und Förderbedarfes und anderer Rahmenbedingungen nur Zug um Zug realisieren. Nach Planung, Genehmigung durch die Wasserbehörden und der Zuweisung von Fördermitteln konnte die Umsetzung starten. Auf insgesamt rund 13 Kilometern wurde der Ruhr wieder Raum zur Aufnahme von Hochwässern gegeben. Dämme und Uferbefestigungen wurden entfernt, das Flussbett wurde auf das Doppelte bis Dreifache aufgeweitet und die Ufer abgeflacht. Störende Wege und Leitungen wurden verlegt. Über 15 Renaturierungsabschnitte auf städtischen bzw. zugekauften Flächen entstanden so bis heute. Die notwendigen Investitionen von rund 15 Millionen Euro wurden zu 80– 90 Prozent durch das Land NRW gefördert.

Renaturierungen im Alltagstest

Mehrere Starkregenereignisse haben gezeigt, dass die aufgeweiteten Bereiche der Ruhr, wie berechnet, durch Rückhalt und Verlangsamung des Hochwassers Schäden zu großen Teilen verhindern. Auch kleinere Gewässer mussten nach einem Starkregenereignis in 2007 zur Minderung der Hochwassergefahr optimiert werden. Hier erreichte man durch zusätzliche Wälle, Rückhaltemulden und angepasste Kanalisation den nötigen Schutz.

Durch die Renaturierungsmaßnahmen ist der Ruhr-Abschnitt bei Alt-Arnsberg nun besser geeignet um zusätzliche Wassermengen nach Starkregenereignissen aufzunehmen. Auch Tiere und Pflanzen fühlen sich dort nun wohler.(Fotos: Stadt Arnsberg)

Ein Gewinn für Stadt und Klima

Die ehemals sterilen, nun umgestalteten Ufer entwickelten sich zu artenreichen Lebensräumen. Geschützte Tier- und Pflanzenarten kehren zurück – ein lebendiges Ökosystem, das Hochwasserpassagen dämpft und Niedrigwasserphasen puffert. Bürger*innen, Angelvereine und Naturschutzorganisationen wurden von Anfang an in die Planungen eingebunden. Aus anfänglicher Skepsis wurde eine starke Identifikationmit dem Fluss. Gastronomie, Naherholung und Kunstprojekte erwachten entlang der renaturierten Ufer. Der Ruhrtal-Radweg avancierte zum Highlight für Radfahrer*innen, das städtische Image zur „Stadt an der Ruhr“ erhielt neuen Glanz.

Arnsberg als Vorreiter

Die Stadt Arnsberg war eine der ersten Kommunen, welche derartige Renaturierungen umsetzte. Die Maßnahmen fanden auch bei Fachleuten großen Anklang, erhielt einige Umweltpreise und Auszeichnungen. Gelobt wurden unter anderem der hohe Innovationsgrad, die ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit sowie die Übertragbarkeit auf andere Kommunen.

Die Arnsberger Renaturierungen zeigen: Mit dem Mut, neue Wege zu gehen und der Verknüpfung von ökologischen und technischen Maßnahmen lassen sich Stadtbild, Klima Resilienz und Lebensqualität gleichermaßen stärken. Und die Hochwassergefahr mindern. Und jede Kommune, die Ihren Gewässern wieder Freiraum schenkt, gestaltet nicht nur ihre Stadt, sondern leistet einen überzeugenden Beitrag zum Klimaschutz.

Zwei Streckenabschnitte als letzte „Brennpunkte“ mit Gefährdungs- und Ausbaupotential sind in Planung und sollen in den nächsten Jahren umgesetzt werden.


Joachim Pütter ist Diplom-Bauingenieur mit Vertiefungsrichtung Wasserbau und seit 1991 bei der Stadt Arnsberg beschäftigt. Hier kümmert er sich unter anderem um die technische Sachbearbeitung für alles, was mit den Oberflächengewässern auf Arnsberger Stadtgebiet zu tun hat, insbesondere Gewässerunterhaltung, Hochwasserschutz und Gewässerrenaturierungen.

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