Samstag, 28. März 2026

PAW-tastischer Einsatz für Gerechtigkeit

Tierisch engagiert

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Anna ist neun Jahre alt. Sie wurde seit ihrem fünften Lebensjahr von ihrem Großvater missbraucht. Die Taten kamen schließlich ans Licht. Nun läuft ein Strafverfahren. Anna kann die Aussage nicht erspart werden, da sich ihr Peiniger wenig kooperativ und nicht geständig zeigt. Daher ist Annas Aussage zentral für den Ausgang des Verfahrens. Damit sie zumindest nicht noch einmal bei Gericht aussagen muss, wird eine sogenannte Richterliche Videovernehmung organisiert. Diese findet bei der Polizei in einem Vernehmungszimmer statt, das mit Kameras ausgestattet ist. Die anderen Verfahrensbeteiligten können der Vernehmung in anderen Zimmern bei der Polizei folgen. Für Anna ist es dennoch ein Termin, der mit Scham, Wut, Trauer und vor allem Angst besetzt ist. Ihre Eltern haben Schwierigkeiten, mit Anna über die anstehende Vernehmung zu sprechen. Sie blockiert alles, was damit zu tun hat.

In Fällen wie diesen kommt die Psychosoziale Prozessbegleitung ins Spiel – eine intensive Unterstützung für Betroffenen schwerer Gewalt- und Sexualdelikte mit besonderer Schutzbedürftigkeit. Darunter fallen insbesondere verletzte Kinder und Jugendliche sowie Menschen mit Behinderung.

Obwohl die speziell geschulten Fachkräfte bei PräventSozial eine Reihe Methoden anwenden, um die Abläufe eines Strafverfahrens und einer Zeugenvernehmung kindgerecht zu erklären, wird ihnen im Fall von Anna schnell klar, dass sie die Hilfe nur schwer annehmen kann. Doch glücklicherweise kann unsere Sozialorganisation seit rund fünf Jahren auf eine außergewöhnliche Form der Unterstützung zurückgreifen – insbesondere dann, wenn Kinder und Jugendliche das Vertrauen zu Erwachsenen verloren haben. Mit unseren flauschigen MUTMACHERN treten dann unsere vierbeinigen Superhelden in Erscheinung, die bereits in über 75 Verfahren das Eis gebrochen haben, wenn alle sonstigen psychosozialen Bemühungen gescheitert sind.

Als Annas Mutter sie fragt, ob es ihr helfen würde, wenn sie von einem Hund zur Polizei begleitet wird, schaut sie auf und nickt eifrig. Die Kennenlerntermine mit Viva, einer mächtigen, aber äußerst gutmütigen Altdeutschen Schäferhündin, tun ihr Übriges. Anna hat zwar, nach wie vor, große Angst vor ihrem Vernehmungstermin, lässt sich aber mehr und mehr darauf ein, an den Vorbereitungsterminen mit Viva zumindest ein paar Informationen über die Abläufe dieses Tages aufzunehmen. Am Vernehmungstag selbst steht Viva an der Pforte des Polizeipräsidiums für sie bereit. Sie strahlt Ruhe aus, freut sich über die Ankunft des Mädchens. Anna darf Viva an der Leine ins Gebäude führen. Ihre Haltung ist dabei aufrecht. Im Vernehmungszimmer hilft sie dabei, für Viva einen Deckenplatz neben sich einzurichten.

(Foto: PräventSozial, Die Mutmacher)

Sie setzt sich, schaut immer wieder auf ihre tierische Begleiterin und umfasst fest Vivas Leine. Anna stellt sich so der Vernehmungssituation. Zweimal wird eine Pause eingelegt. Hier erfolgt kein Grübeln, kein Gedankenkarussell, stattdessen Bewegung und Lachen mit Dummy-Suche und Tannenzapfenwerfen. Nach der Vernehmung geht Anna noch eine Runde mit Viva durch die angrenzenden Weinberge Gassi. Die Bewegung löst die angespannte Muskulatur des Mädchens. Der Abschied von Viva fällt Anna nicht leicht. Doch trotzt ihrer großen Hilfe, ist auch Viva nun mit dem Verfahren gedanklich verknüpft. Der Abschied von ihr ist auch ein Abschied von der Belastung der Vernehmungssituation. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge drückt sie Viva noch ein letztes Mal und geht mit ihren Eltern im Anschluss ein Eis essen.

Eisbrecher, Ankerpunkt, Ruhepol, Spaßmacher – all das leisten unsere MUTMACHER bei ihrer Tätigkeit als Vernehmungsbegleithund. Sie gelten als erste Vernehmungsbegleithunde Baden-Württembergs. Im vergangenen Jahr hat PräventSozial zudem erstmals ein Qualifizierungsprogramm für Vernehmungsbegleithundeteams durchgeführt. Dabei konnten sieben Mensch-Hund-Teams erfolgreich ausgebildet werden, die zukünftig hoffentlich vielen jungen Menschen, die von einer Straftat betroffen sind, im Strafverfahren helfen können. Eine weitere Qualifizierungsreihe zum Vernehmungsbegleithundeteam ist für Ende diesen Jahres geplant.

Wenn ihr mehr über DIE MUTMACHER erfahren wollt, informiert euch gerne über unsere Website www.praeventsozial.de und auf unserem Instagram-Account @die_mutmacher_


(Foto: PräventSozial)

Sabine Kubinski, Soz.Päd. B.A. (FH), Sozialwirtschaft M.A., ist Prokuristin bei PräventSozial Justiznahe Soziale Dienste gemeinnützige GmbH und leitet dort das Projekt „DIE MUTMACHER – Justiznahe hundegestützte Intervention“.

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