Die „Stenografie“ stammt aus einer Zeit ohne jede technische Möglichkeit zur Sprachaufnahme. Und doch hat sich diese Schriftform auch in unseren modernen Zeiten (mit Audio Recording und Speech Recognition) ihre Leistungsfähigkeit erhalten. Für wen wäre es nicht reizvoll, so schnell schreiben zu können, wie man denkt oder spricht? Die Stenografie – auch „Kurzschrift“ genannt – ermöglicht genau das. Sie ist hocheffizient und wirft alles über Bord, was nicht zwingend zum Verständnis benötigt wird. Überflüssige Schriftzüge verschwinden dabei genauso wie alle entbehrlichen Buchstaben, Silben und Wörter. Ein kleines Zeichen steht oft für ein ganzes Wort. Für Außenstehende ist die Stenografie daher eine echte Geheimschrift. Nur wer sie beherrscht, kann sie auch lesen.
Die eigene Schreibgeschwindigkeit kann man mit der Stenografie verdreifachen, vervierfachen und bei gegebener Übung noch weiter beschleunigen. Keine Schreibschrift und keine Computertastatur sind dazu in der Lage. Aufgrund dieser Leistungsfähigkeit hatte sie in vielen Berufsbildern und zugehörigen Ausbildungen ihren festen Platz. In Büros und Behörden konnten mit ihr die Schreibkräfte – damals meist Sekretärinnen – die Telefonate, Konferenzverläufe und Briefdiktate schnell zu Papier bringen. In den Gerichten hielten Verhandlungsstenografen den Verlauf der Prozesse fest. Seit der Verfügbarkeit von kostengünstigen Aufnahmegeräten in 1980er-/1990er-Jahren ist die Stenografie auf dem Rückzug und verlor in den 1990er-/2000er-Jahren auch ihren etablierten Platz in den Ausbildungen. In den Parlamenten – d. h. in den Landtagen und im Bundestag – kommt die Stenografie aber heute noch zum Einsatz, ermöglicht die wortgetreue Mitschrift und erlaubt sogar die Dokumentation von Beifall und Zwischenrufen aus dem Plenum. Weiterhin kommt die Stenografie auch bei Hauptversammlungen von Aktienunternehmen zur Anwendung. Dabei werden die Fragen aus der Versammlung stenografisch festgehalten und an geschultes Personal weitergeleitet, um diese dann souverän beantworten zu können.
Ihre klaren Vorteile kann man der Stenografie auch in den Zeiten der Digitalität nicht absprechen. Denn nicht in allen Situationen kann oder darf man menschliche Stimme aufnehmen. Heimlich darf man das schon gar nicht und nicht immer wird das Einverständnis dazu erteilt. Manchmal übertönen auch Hintergrundgeräusche in der Tonaufnahme das Gesagte oder die Stimmen werden einander so ähnlich, dass man die sprechende Person nicht mehr sicher feststellen kann. Selbst die digitale Spracherkennung liefert dann fehlerhafte Ergebnisse. Spracherkennung kann heute zwar sehr viel – aber eben keine Wunder. Und kaum jemand wird solchen Techniken völlig blind vertrauen. Oftmals braucht es auch keine stundenlangen Sprachmitschnitte oder seitenlange Transkripte, sondern einige wichtige wörtliche Notizen. Solche Notizen sind in der Stenografie effizient zu Papier gebracht – ganz ohne technische Abhängigkeit und ganz ohne das Erfordernis, sich später mit dem vollständigen Sprachmitschnitt oder Transkript auseinandersetzen zu müssen.
So klar die Vorzüge der Stenografie auch sind, so leicht lassen sich viele Menschen aber auch davon abschrecken, dass diese praktische Fähigkeit mit gewissem Lernaufwand verbunden ist. Um den heutigen Generationen den Zugang zur Stenografie so schnell und modern wie möglich zu gestalten, habe ich versucht, meinen Beitrag zu leisten und das „Lehrbuch der Basisverkehrsschrift (BVS)“ herausgegeben. Dieses Lehrbuch bietet einen idealen Start in die Stenografie und einen schnellen Lernerfolg. Die Resonanz auf diese neue Basisverkehrsschrift zeigt, dass es durchaus noch junge Menschen gibt, die sich freiwillig und über die Pflichtkurse hinaus weiterbilden möchten. Leider lassen wir Menschen uns aus Bequemlichkeit viel zu leicht wertvolle Fähigkeiten von der Technik abnehmen: Das Kopfrechnen weicht dem Taschenrechner, die Handschrift weicht den Tastaturen. Bis zu einem bestimmten Grad klingt das nach einem völlig natürlichen Wandel. Doch soll unsere Fähigkeit zum „Denken“ jetzt auch der künstlichen Intelligenz weichen? Keineswegs. Wissen und Können wird mit den immer ausgefeilteren Möglichkeiten nicht wertlos. Gerade heute, wo sich viele zunehmend auf Technik verlassen, haben alle, die etwas wissen und können, in vielen Dingen einen wichtigen Vorsprung

Dr. Jascha-Alexander Koch ist Juniorprofessor an der Universität Siegen im Bereich der Digitalisierung und staatlich geprüfter Lehrer der Kurzschrift. Er ist amtierender Vizepräsident des Deutschen Stenografenbundes und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft deutscher Stenographie-Systeme e. V.



