Die HWR zu Gast – ein Tag im Knast

Gemeinsam Richtung Zukunft

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Es war eine Exkursion der ganz besonderen Art. Für 20 Studenten der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) wurde der 16. Juni 2026 zu einem Abenteuer der besonderen Art. Hochschule mal ganz anders. Dank der Senatsverwaltung für Justiz, durfte der Kurs VS 25B BWL des Fachbereichs 2 der HWR einen Tag im Hochsicherheitsgefängnis in der JVA Tegel zwischen Mördern, Totschlägern und Sexualstraftätern verbringen.

Es war eine Erfahrung, die man wohl nur einmal im Leben macht. Hautnah mit Schwerverbrechern zu sprechen, sich ihren Arbeitsplatz erklären lassen oder in ihren Zellen zu sitzen. Den Tagesablauf eines Gefangenen in Echtzeit mit zu erleben. Schon der Zutritt zu einem der am best gesichertsten Gefängnisse Deutschland war aufregend. Mitgenommen werden durfte, außer der Kleidung, die man an hatte, nichts. Keine Handys, keine Uhren, kein Geld, keine Ausweise. Alles kam in Schließfächer. Nur der Personalausweis nicht – der wurde bei der nächsten Sicherheitskontrolle gegen einen Gefängnisausweis umgetauscht.

Kaum auf dem Gelände gab es Anstaltsalarm. Das war keine Übung. Alle Gefangenen mussten unverzüglich in Ihre Zellen. Wir durften uns nicht von der Stelle bewegen. Keiner wusste, was passiert war. Schlägerei, Geiselnahme oder verletzter Gefangener? Nach gut fünf Minuten Entwarnung. Alarm aufgehoben. „Das war jetzt wirklich echt. Und so auch nicht eingeplant“, sagte Alexander Oestreich, ein erfahrener Justizbeamter, der über den ganzen Tag unser Guide war und auch für unsere Sicherheit verantwortlich war. Er stand den ganzen Tag für Fragen zur Verfügung und erklärte auf sehr anschauliche Weise den Tagesablauf einer Justizvollzugsanstalt.

Elinor Plumpe schildert ihre Eindrücke sehr anschaulich: „Unsere erste Station war die anstaltseigene KFZ- Werkstatt. Dort kamen wir zum ersten Mal mit Gefangenen ins Gespräch, die uns ziemlich offen von Ihrem Alltag im Gefängnis erzählten. Viele der Gefangenen nutzen die Chance, während der Haft eine Ausbildung zu absolvieren und dabei sogar Geld zu verdienen. Schnell wurde uns deutlich, dass Arbeit und ein streng regulierter Tagesablauf eine zentrale Rolle im Gefängnis Alltag spielten, und zwar mehr als wir erwartet hätten. Je länger der Besuch andauerte, desto klarer wurde uns, dass ein Thema im Mittelpunkt steht: Resozialisierung. Der Sinn der Strafe ist, und das kann man im Gefängnis feststellen die gefangenen wieder in die Gesellschaft zu integrieren und auf ihr Leben nach der Haft vorzubereiten.“

Besonders beeindruckend: Die riesigen Unterkunftshäuser aus der Kaiserzeit. Einmal in der Zelle eines Mörders zu sitzen. Die Rufe der Inhaftierten zu hören. Eine Atmosphäre zu spüren, die man sonst noch nicht mal annähernd aus dem Fernsehen kennt. Dann ging es weiter in das Therapiezentrum für Sexualstraftäter, das in einem gesonderten Trakt der JVA untergebracht ist. Hier hatten die Studierenden die Möglichkeit, sich über die Resozialisierungsmaßnahmen für Vergewaltiger bei den dafür extra geschulten JVA Mitarbeitern zu erkundigen. Ara Shayk war beeindruckt von dem was hier geleistet wird: „In der Sozialtherapeutischen Anstalt (SothA) durchlaufen unter anderem Sexualstraftäter ein Programm das genauso lange dauert. Sie leben in einem gesonderten Bereich, nehmen an Einzel- und Gruppentherapien teil und setzen sich intensiv mit ihrer Tat sowie ihren persönlichen Risikofaktoren auseinander.

Begleitet werden sie dabei von geschulten Mitarbeitenden. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, die Taten zu entschuldigen, sondern die Teilnehmer immer wieder mit ihrem Verhalten, ihren Denkmustern und ihrer Verantwortung zu konfrontieren.

Besonders beschäftigt hat mich die letzte Phase des Programms. Die Teilnehmer müssen ihre Tat detailliert rekonstruieren: Was haben sie vorher gedacht und vorbereitet? Was geschah während der Tat und wie verhielten sie sich danach? Sie verfassen einen Brief an das Opfer sowie einen weiteren aus dessen Perspektive. Außerdem stellen sie sich den Fragen ihrer Mitinsassen und betrachten ihr Handeln, dessen Auswirkungen und die Ursachen aus verschiedenen Blickwinkeln, dabei wurde für mich deutlich, wie anspruchsvoll diese Arbeit sein muss. Für beide Seiten. 

In der SothA arbeiten mehr Mitarbeitende, als Teilnehmer untergebracht sind. Im regulären Vollzug ist dieses Verhältnis meist umgekehrt. Nach den Angaben vor Ort kostet das Programm rund 400 Euro pro Person und Tag – etwa doppelt so viel wie die reguläre Unterbringung eines Gefangenen.

Diese Erfahrung machte mir eines bewusst, wie schnell wir glauben, einen Täter erkennen zu können. Doch Straftäter sehen nicht zwangsläufig bedrohlich aus, sondern begegnen uns möglicherweise ganz unauffällig im Alltag, ähnlich zu den Betreuern die sich mit diesen Geschichten auseinander setzen und, anders als wir, wissen zu was die Menschen im Stande sein können. Es zeigt, wie wichtig Prävention, Aufarbeitung und Resozialisierung sind, weil wir Sicherheit nicht allein daran festmachen können, ob wir jemanden äußerlich ansehen können, wer er eigentlich ist.“

Dann Mittagessen. Extra von den Gefangenen nach unseren Wünschen in deren Lehrküche für uns gekocht und auch professionell von den Häftlingen serviert. Steak mit Püree und Soße oder vegetarisch gefüllte Paprikaschote mit Salat. Einhellige Meinung der Studierenden: „Ein echt prima Mittagessen. Spitze!“

Und dennoch sagt eine Studentin bei der Mittagspause: „Man lernt hier sehr schnell, dass Menschen, die gegen gesellschaftliche Regeln und Gesetze verstoßen, in letzter Konsequenz auch sehr hart bestraft werden. Allein durch die Entbehrungen, die sie Tag für Tag hinnehmen müssen. Denn wir müssen in Freiheit eigentlich nichts entbehren.“

Ein wirkliches Abenteuer geht zu Ende. Wir checken wieder aus. Bekommen alles zurück. Kaum draußen, ein tiefes Durchatmen. Vor den Mauern immer noch ein nachdenklicher Blick in den Gesichtern. Aber wieder in Freiheit. Elinor Plumpe sagt: „Als wir am Ende des Tages die JVA- Tegel wieder verließen, waren wir alle sehr erleichtert, denn uns wurde bewusst, was es bedeutet, gefangen zu sein oder alles, was man möchte jederzeit selbstbestimmt und in Freiheit selber tun zu können. Der Besuch in der JVA Tegel zeigte einmal mehr, dass das Recht kein abstraktes Thema ist, sondern dass Recht und Gesetz uns in jedem Lebensbereich begegnet. Besonderer Dank gilt den beiden Beamten der Justizverwaltung Claudia Kardinal – die den gesamten Besuch mit Sondergenehmigung organisiert hat – und Alexander Oestreich, der die ganze Zeit schützend über uns gewacht hat und ein prima Ansprechpartner war für all die unzähligen Fragen


(Foto: Privat)

Michael Helberg hat an der Freien Universität in Berlin Staats- und Verwaltungswissenschaften und in Leiden (NL) Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kriminologie studiert. Er ist seit über 15 Jahren Hochschullehrer für Kriminologie und Wirtschaftsrecht an der HWR Berlin.

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