Montag, 26. September 2022

(K)ein Traumjob

Must read

Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg ist Teil der Online-Redaktion, koordiniert das E-Journal und unterstützt digitale Veranstaltungen. Auch in ihrer Freizeit ist sie gerne auf Veranstaltungen unterwegs, dann aber als Kamerafrau oder Lichttechnikerin.

Es ist kein Geheimnis: Der Öffentliche Dienst hat ein Nachwuchsproblem. Viele Beschäftigte scheiden in den nächsten Jahren altersbedingt aus und viel zu wenige rücken nach. Woran liegt das? Die Antwort auf diese Frage lautet häufig: “Am demografischen Wandel”. Stimmt, der demografische Wandel macht es den Behörden definitiv schwer, ausreichend Bewerber*innen zu finden. Aber mal ehrlich, wenn zu wenig junge Menschen auf den Arbeitsmarkt strömen, dann trifft das wohl alle Arbeitsbereiche. Wichtig ist also jetzt, attraktiver sein als die anderen Arbeitgeber und die Bewerber*innen für den ÖD gewinnen.

Und da sind wir beim eigentlichen Problem: die Arbeitgeberattraktivität. Hier muss sich in der nächsten Zeit einiges tun – und dabei sind alle gefragt: Die Behörden, die Politik und nicht zu vergessen: die Mitarbeitenden. Besonders den Nachwuchskräften kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Sie können zeigen, dass die Verwaltung schon jetzt einiges zu bieten hat und aktiv die Zukunft der Verwaltung mitgestalten.

Wie zeigt man potentiellen Bewerber*innen, wie vielseitig, spannend und wichtig die Arbeit in der Verwaltung sein kann?

Tülin Sezgin, Recruiterin aus dem Bezirksamt Berlin-Neukölln, hat die Erfahrung gemacht, dass man ältere Bewerber*innen bereits erreicht, jüngere jedoch anders ansprechen muss. “Und da muss die öffentliche Verwaltung auch mal bei Instagram und auch mal bei TikTok vorbeischauen” erklärt die Recuiterin, die Social Media hier größere Chancen zurechnet als klassischen Messen und Jobanzeigen.

Auch Kampagnen wie die in ihrer Behörde spielten bei der Personalgewinnung eine wichtige Rolle. Mit #typischneukölln zeigt sich das Bezirksamt bunt, vielfältig, interkulturell und divers. “Was für eine Sprache möchten wir sprechen? Was möchten wir ausstrahlen? Wie möchten wir wahrgenommen werden? Wen möchten wir haben, dadurch?” Das sind für die Tülin Sezgin Fragen, die sich Behörden bei der Personalgewinnung stellen sollten. Das Ziel dabei: Die Gesellschaft spiegeln. Außerdem brauche es role models – echte Menschen aus dem eigenen Bezirk, keine Werbegesichter – die von ihrem Weg und den eigenen Erfahrungen berichten. Auf Ehrlichkeit legt die Recruiterin bei ihrer Arbeit großen Wert. Dazu gehört für sie auch, zu zeigen, dass die Behörden noch nicht perfekt sind, dass man aber auf dem Weg sei und dass man als junger Mensch Teil davon sein könne, etwas zu verändern.

Von solchen Kampagnen wie der in Berlin-Neukölln und anderen gelungenen Projekten profitiert im Idealfall nicht nur die eigene Behörde. Um gute Ideen in die Fläche zu tragen, ist Austausch essenziell. Dieser wird beispielsweise im Deutschen Städtetag gelebt, erklärt Dr. Uda Bastians, Beigeordnete im Deutschen Städtetag und Leiterin des Dezernats Recht und Verwaltung. Man arbeitet hier nach der Devise: “Klauen ist erlaubt!”, so können Kommunen aus den positiven Erfahrungen genau wie aus den Fehlern anderer Kommunen lernen.

Nicht nur beim Image, auch bei den Arbeitsbedingungen gibt es Nachholbedarf.

Um potenzielle Bewerber*innen zu erreichen ist aber nicht nur entscheidend, wie man sich als Arbeitgeber in der Öffentlichkeit darstellt, auch die Rahmenbedingungen einer Beschäftigung müssen reizvoll sein. Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Perspektiven müssten stimmen, findet Karoline Herrmann, Vorsitzende der dbb jugend. Die Maßnahmen und Konzepte, an die sie dabei denkt, sind vielseitig: eine garantierte und unbefristete Übernahme für die jungen Mitarbeiter*innen, mehr Flexibilität und die Möglichkeit zu Sabbaticals, aber auch Langzeitarbeitszeitkonten, Freizeit statt Geld und mobiles Arbeiten.

Die Ausbildung müsse ebenfalls fair entlohnt und zudem digitaler werden. Mit ÖPNV-Tickets für Auszubildende könne die öffentliche Verwaltung zusätzlich im Bereich Nachhaltigkeit punkten. Auch Weiterbildungsmöglichkeiten findet sie wichtig für junge Beschäftigte. “Echte Personalentwicklungskonzepte gibt es in den wenigsten Kommunen” bemängelt sie, und diese müssten dann auch noch gelebt werden. Ein ganz wichtiger Aspekt ist für die dbb jugend-Vorsitzende die Wertschätzung, die Arbeitgeber ihren Mitarbeiter*innen entgegenbringen sollten. Diese zeige sich dadurch, dass in Tarifverhandlungen faire Bedingungen geschaffen werden, aber auch im Umgang mit den Mitarbeiter*innen während der Tarifverhandlungen.

Der ÖD bietet so einige Vorteile für seine Beschäftigten, bei denen die Wirtschaft nicht mithalten kann. Die muss er betonen.

Was bei all den Forderungen und Ideen nicht vergessen werden darf: Viele attraktive Rahmenbedingungen hat der Öffentliche Dienst schon jetzt. Das bedeutet für die Mitarbeitenden Vorteile, die es in der freien Wirtschaft so nicht gibt. “Wohl kein Wirtschaftsunternehmen bietet so viele Arbeitsbereiche”, erklärt Dr. Uda Bastians. Neben familienfreundlichen und flexiblen Arbeitszeiten, sei beispielsweise auch das Azubi-Gehalt im Vergleich zu anderen Branchen vorne dabei. Man profitiere von einer hundertprozentigen Tarifabdeckung und niemand müsse sich Sorgen machen, sein Gehalt sei nicht rechtzeitig auf dem Konto.

Weitere Vorteile sieht sie in der modernen und sich stets aktualisierende Entgeltordnung sowie darin, dass niemand als Einzelkämpfer*in mit seinem Arbeitgeber Bedingungen aushandeln müsse. Auch der Urlaubsanspruch liege weit über dem nach dem Bundesurlaubsgesetz. Vor allem aber punktet die Verwaltung mit der Sinnhaftigkeit der Arbeit. Es gehe nicht um shareholder value oder Gewinnmaximierung, sondern um das Gemeinwesen und das Zusammenleben vor Ort und damit um Lösungskompetenz statt um abstrakte Diskussionen. Die Verwaltung hat damit auch für junge Bewerber*innen so einiges zu bieten. Es müssten aber Vorurteile überwunden und die Attraktivität des Öffentlichen Dienstes in die Welt getragen werden, so Dr. Uda Bastians.

Was kann oder muss die Politik tun?

Um die Personalsituation in den Behörden zur verbessern, muss auch die Politik Verantwortung übernehmen und eingreifen. Doch Patricia Seelig, stellvertretende Bundesvorsitzende im Bundesbüro der Jusos und selbst Mitarbeiterin in einer kommunalen Verwaltung, weiß: bislang fehlt es an gesetzlichen Rahmenbedingungen, gerade im Bereich Digitales. Diese Rahmenbedingungen könne die Politik schaffen. Neben dem Recht auf mobiles Arbeiten oder Telearbeit sieht Patricia Seelig diesbezüglich Verbesserungspotenzial in den Bereichen Eingruppierung und Befristung, in der Verschlankung von Weiterbildung sowie in der finanziellen Ausstattung der Behörden. Auch kommunale Ratsmitglieder müssten hier hinschauen und “Druck machen”, fordert sie. Die Politikerin und Verwaltungsmitarbeiterin stellt aber klar, dass nicht nur die Politik von außen den Rahmen vorgibt, sondern es auch innerhalb der Behörden ein neues Denken brauche. Politischer Rahmen und junge Leute, die gemeinsam den Generationenwandel einläuten, seinen also notwendig für die Veränderung.

Viel zu tun, packen wir es an!

Die Verwaltung ist schon jetzt bunt, vielseitig, spannend und einiges mehr. Verbesserungspotenzial gibt es trotzdem unbestritten noch an vielen Stellen. Aber es gibt auch viele spannende Ideen und Konzepte um die Verwaltung der Zukunft zu gestalten. Wenn alle zusammenarbeiten und junge Mitarbeitende hier mutig vorangehen, kann der Generationenwandel gelingen und die Verwaltung von morgen zu einem attraktiven und beliebten Arbeitsumfeld werden. Also weg vom alten und verstaubten Image, hin zum Traumarbeitgeber!

Wenn du mehr zum Thema und den Einschätzungen der Expertinnen erfahren möchtest, schau dir unsere Diskussionsrunde “Vakanz im Rathaus! – Es fehlt kommunaler Nachwuchs” auf NeueStadt.org an.

Vorheriger ArtikelSchluss mit Todernst
Nächster ArtikelEine Mammutaufgabe
- Werbung -

More articles

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Latest article