Montag, 22. Juli 2024

Von der Kür zur Pflicht

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Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg ist Teil der Online-Redaktion, koordiniert das E-Journal und unterstützt digitale Veranstaltungen. Auch in ihrer Freizeit ist sie gerne auf Veranstaltungen unterwegs, dann aber als Kamerafrau oder Lichttechnikerin.

Wer Kompetenzen vermitteln will, braucht selber welche

Corona, die Diskussion um eine Impfpflicht, der Krieg in der Ukraine – gefundenes Fressen für die Urheber*innen von Fake News. In Zeiten, in denen schon Grundschüler*innen ihr eigenes Smartphone besitzen und im Web 2.0 theoretisch jede*r Nachrichten weltweit und in Echtzeit übermitteln kann ist Vorsicht geboten.

Desinformation, Hatespeech und mehr sind zu großen Gefahren unseres Alltags geworden und es ist längst nicht immer leicht zu erkennen, wann es sich um seriöse Informationen und wann um Fake News handelt. Digital Natives wachsen – wie der Name schon sagt – in der digitalen Welt auf. Wenn sie etwas wissen möchten, fragen sie Alexa, Siri und Co. Kommuniziert wird in den Sozialen Medien. Welche Gefahren dabei lauern, müssen die Kinder und Jugendlichern erst lernen. Wichtig ist, dass Bildungseinrichtungen sich dem nicht verschließen. Im Gegenteil: Sie sind in der Pflicht, Schüler*innen in Sachen Medienkompetenz fit zu machen. Warum stellt das viele Lehrkräfte vor ein Problem? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit das gelingen kann? Und wann sollten Medien in den Unterricht integriert werden?

“Wir ziehen immer das Primat der Pädagogik vor”, betont Anja Bensinger-Stolze, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW. Medien sollten dann eingesetzt werden, wenn es pädagogisch sinnvoll ist, fordert sie. “Es geht dabei um Medienkompetenz, nicht um Digitalkompetenz.” Man müsse die Medien als Medium verstehen und lernen, wie man damit umgehe – eine kritische Herangehensweise sei dabei wichtig. Bensinger-Stolze sieht darin eine Querschnittsaufgabe. Für Medienkompetenz brauche es kein eigenes Schulfach, ist sie überzeugt. Vielmehr müssten Lehrkräfte in allen Fächern Medien da nutzen, wo dies Sinn mache. Nicht nur  bei der Informationsbeschaffung, bei der es natürlich erforderlich sei, Fake News zu erkennen, sondern auch, um gemeinsam und individuell zu arbeiten.

“Wir wollen Kinder und Jugendliche mündig machen”, erklärt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Sie sollten dazu befähigt werden, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, Verantwortung übernehmen zu können und zu wollen und auch selbst politisch aktiv zu werden. “Wir haben ein neues Bildungsziel: digitale Souveränität.” Meidinger sieht hier ebenfalls fächerübergreifend alle Lehrkräfte in der Pflicht.

Gut gemeint reicht nicht

Um Medienkompetenz zu vermitteln, müssten die Lehrkräfte diese auch selbst besitzen, merkt Meidinger an. Jede Schule sollte mittlerweile ein Medienerziehungskonzept haben, dies sei laut DigitalPakt Schule Voraussetzung für die Gewährung von finanziellen Mitteln für Infrastruktur und Technik.

Darin sollte immer auch ein Lehrerbildungskonzept enthalten sein, findet Meidinger. Dieses sollte nicht nur den Erwerb von technischen und inhaltlichen Kompetenzen für die Lehrkräfte regeln, sondern auch vermitteln, wie Kompetenzen an Schüler*innen weitergegeben werden könnten und welche Projekte es dazu bereits gebe.

An der Motivation der Lehrkräfte scheitert es nicht. 77 Prozent von ihnen würden gerne mehr digitale Elemente in den Unterricht integrieren, das hat die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Georg-August-Universität Göttingen in ihrer Studie “Digitalisierung im Schulsystem 2021” herausgefunden. Doch dazu müssen zunächst einige Hürden überwunden und die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden.

“Wie Medienkompetenz vermittelt wird, hängt stark davon ab, wie die Lehrkräfte an der jeweiligen Schule ausgestattet sind”, erklärt Udo Beckmann. Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) bemängelt, dass die Situation in den verschiedenen Bundesländern sehr unterschiedlich sei. Außerdem sei es mit der technischen Grundausstattung allein nicht getan, es brauche auch die entsprechende Infrastruktur. Breitband und WLAN seien jedoch längst noch nicht an jeder Schule vorhanden.

Ausstattungsschub

Den schon sprichwörtlichen Digitalisierungsschub sieht Beckmann nicht. Er spricht stattdessen lieber von einem Ausstattungsschub. “Es ist viel Ausstattung erfolgt, auch bedingt durch Corona. Aber auch hier gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Und es sind längst noch nicht die Fortbildungsangebote da, die die Lehrkräfte brauchen.” Hier sieht er die Länder in der Pflicht: “Wir brauchen die Fortbildungsangebote. Da ist in den letzten Monaten etwas passiert, aber eben noch nicht genug.”

Die Personaldecke sei ohnehin dünn, Corona verstärke diese Situation weiter, gibt der VBE-Vorsitzende zu bedenken. Da könne man nicht von den Lehrkräften erwarten, dass sie sich in ihrer Freizeit noch im Bereich Medienkompetenz weiterbildeten. Der Dienstherr müsse hier Zeitfenster schaffen, in denen eine Fortbildung auch in der Dienstzeit möglich sei. Außerdem fehle weitestgehend der technische Support und die Administration der Geräte sei an den Schulen häufig nicht geregelt. Diese Aufgaben blieben zusätzlich an den Lehrkräften hängen, denen dadurch weniger Zeit für ihre eigentliche Aufgabe – das Unterrichten – bleibe.

Rund ein Drittel der Lehrkräfte gerät laut der Studie “Digitalisierung im Schulsystem 2021” beim Einsatz digitaler Medien und Techniken an ihre Grenzen. Digitales Lernen und Lehren war bei ihnen weder Teil der akademischen noch der praktischen Ausbildung. Vieles brächten sich die Lehrkräfte selbst und situationsbezogen bei, am meisten lernten sie derzeit nicht in Weiterbildungen sondern von den eigenen Kolleg*innen, erklärt Birgita Dusse, Referentin “Bildung in der digitalen Welt” bei der GEW, bezugnehmend auf die oben genannte Studie. Die GEW setzt sich daher dafür ein, dass der Erwerb von Medienkompetenz und medienpädagogischen Kompetenzen für Lehrer*innen strukturierter und verankerter wird. Damit werde sich auch der Gewerkschaftstag 2022 im Juni befassen, verrät Dusse.

Dran bleiben

“Die Förderung von Medienkompetenz ist und bleibt ein wichtiges Thema an Schulen.” Davon ist Nadine Eikenbusch, Teamleiterin Prävention der Abteilung Medienorientierung bei der Landesanstalt für Medien NRW, überzeugt. In Nordrhein-Westfalen würden Kinder und Jugendliche durch den Medienkompetenzrahmen NRW dabei unterstützt, wichtige Schlüsselqualifikationen im Umgang mit digitalen Medien zu erlangen. Das Ziel sei, Kompetenzen in der Schule authentisch und lebensnah zu vermitteln und in den Austausch zu aktuellen Themen zu integrieren. Außerdem gebe es Projekte, die ganz konkret beim richtigen Umgang mit Medien an Schulen helfen würden. Hierbei weist sie unter anderem auf das Angebot “Medienscouts NRW” der Landesanstalt für Medien NRW hin. In diesem Peer-to-Peer-Projekt würden Schüler*innen dazu ausgebildet, Gleichaltrige zu Medienthemen zu beraten. Die Idee: Auf Augenhöhe vertrauen sich die Jugendlichen eher und haben einen gemeinsamen Ausgangspunkt, daher ist das Projekt an den Bedarfen der Jugendlichen ausgerichtet. Bereits 5.200 Schüler*innen an über 1.000 Schulen seien zu Medienscouts ausgebildet worden. Da sich Medien rasant weiterentwickelten, sei es außerdem wichtig, Lehrkräfte früh genug – am besten schon im Studium  –  zu schulen, aber auch in ihrer weiteren Laufbahn zu regelmäßigen Fortbildungen zu verpflichten, so Eikenbusch.

Das muss so sein. Lehrkräfte sind in der Pflicht, Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, sich in dieser medial geprägten Welt zu orientieren.

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