Montag, 20. Mai 2024

Viele Vor- und fast keine Nachteile

Interessen und Werte

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Wir haben in Deutschland ein föderales, gegliedertes Schulwesen mit klar unterschiedenen Schulprofilen, was sich zudem in einer entsprechend ausdifferenzierten Lehrerbildung zeigt. Auch wenn es durchaus so etwas wie ein gemeinsames Berufsethos von Lehrkräften gibt, also eine verbindende Auffassung  von dem, was Lehrerprofessionalität bedeutet, sind die Unterschiede in der Berufspraxis je nach Alter der Schülerschaft, der Orientierung an unterschiedlichen Abschlüssen oder etwa dem jeweiligen Fortbildungsbedarf doch sehr groß.

Das ist dann die besondere Stärke von Verbänden, die in erster Linie Lehrkräfte von Schularten organisieren, die auf bestimmte Abschlüsse vorbereiten. Vorteile sind eine hohe Identifikation der Mitglieder mit der jeweiligen Schulart und deren bildungspolitischen Auftrag, also beispielsweise beim Philologenverband mit der Idee gymnasialer Bildung oder beim BvLB mit den Zielen und der Bedeutung beruflicher Bildung. Dazu kommt die große Fachkompetenz und Expertise dieser schulartspezifischen Lehrerverbände in ihrem jeweiligen Bereich, was sich beispielsweise bei Service- und Fortbildungsangeboten, bei der Rechtsberatung, aber auch bei der Erarbeitung von Konzepten zeigt, was viele Mitglieder sehr schätzen.

 Aber nicht nur diese. Bei der Erarbeitung von Gesetzentwürfen, bei Schulreformen, aber auch in Krisensituationen sucht die Politik oft besonders den Kontakt zu Verbänden, die in ihrem Kernbereich durch einen hohen schulartspezifischen Organisationsgrad besonders repräsentativ, kenntnisreich und pointiert die Interessenslage der Kollegien und Schulen vor Ort wiedergeben und artikulieren können. Umgekehrt fällt es schulartspezifisch organisierten Verbänden oft leichter, ihre Klientel für bestimmte wichtige Anliegen zu mobilisieren. So wurden beispielsweise die Proteste, Demonstrationen, Volksbegehren und der letztlich erfolgreiche Widerstand gegen die Schulzeitverkürzung an Gymnasien in den alten Bundesländern nicht von den mitgliederstärkeren DGB-Gewerkschaften, sondern von den Philologenverbänden maßgeblich organisiert und durchgeführt.

Vergleicht man die Themenbereiche der Verbandspolitik der Mitgliedsverbände im Deutschen Lehrerverband, dann werden die unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen deutlich. Bei den Philologenverbänden spielt die Fachlichkeit bei der Vermittlung von Studierfähigkeit eine höhere Rolle als beispielsweise beim BvLB, bei dem die berufliche Orientierung und die Ausbildungsreife einen besonderen Schwerpunkt bilden.

Früher wurde nicht selten von außen der abwertende Begriff „Standesorganisationen“ für schulartspezifische Lehrerverbände verwendet. Dadurch wurde der Eindruck erweckt, es handele sich um Gewerkschaften, denen es vorrangig um die Verteidigung oder Erringung von Standesprivilegien ginge. Das bildet aber die Realität verzerrt ab. Gerade schulartbezogene Lehrerverbände eint ihr gemeinsames Eintreten für eine zukunftsorientierte Bildungspolitik, für den Standortvorteil eines vielfältig gegliederten Schulwesens mit passgenauen begabungsgerechten Angeboten sowie die Fortentwicklung ihrer Schulart mit besonderem Fokus auf Qualität und das Leistungsniveau. Dabei sind alle „Glieder“ gleich viel wert und gleich wichtig.

In Gewerkschaften, die Lehrkräfte aller Schularten vertreten, geraten schnell die Schulen ins Abseits, an denen nur eine relative Minderheit von Lehrkräften unterrichtet. Zwar sind auch innerhalb solcher Gewerkschaften Lehrkräfte teilweise nach Schularten nochmals gesondert organisiert, etwa in Fachgruppen, aber die tun sich häufig schwer, für ihre spezifischen Anträge auf den großen Gewerkschaftstagen dann entsprechende Mehrheiten zu finden, was nicht selten große Frustrationen hinterlässt.

Wenn man sich die Organisations- und Verbandsstruktur der Mitgliedsverbände des DL anschaut, dann fällt auf, dass die „Musik“ in erster Linie in den Landesverbänden spielt, die meist auch über gut ausgestattete Landesgeschäftsstellen verfügen. Das entspricht dem dezentralen Prinzip des Bildungsföderalismus, wonach die wichtigen berufs- und bildungspolitischen Entscheidungen in den jeweiligen Ländern fallen und deren Landesregierungen die Hauptansprechpartner von Lehrerverbänden sind.

Die Bundesverbände und der Deutsche Lehrerverband als deren Dachverband haben vor allem eine koordinierende, bündelnde  und unterstützende Funktion. Sie gleichen dadurch auch die im Einzelvergleich zu DGB-Gewerkschaften wie der GEW deutlich geringere Mitgliederzahl aus, wenn man nur die einzelnen Mitgliedsverbände ansehen würde. Als Dachverband mit über 165 000 Mitgliedern (DPhV 90 000, BvLB 38 000, VDR 27 000, KEG 10 000) übertrifft der DL viele andere Dachverbände im Bildungsbereich wie etwa den VBE.

Die GEW organisiert zwar rund 100.000 Mitglieder mehr, dabei muss man aber berücksichtigen, dass darunter auch viele „Nichtlehrkräfte“ sind, also Beschäftigte an Kitas, in Schulverwaltungen oder an Universitäten.

Die Mehrzahl der Mitglieder des DL sind Beamt*innen, nur etwa ein Fünftel sind Tarifbeschäftigte. Über den Deutschen Beamtenbund (dbb beamtenbund und tarifunion) sind die Mitgliedsverbände des DL auch an beamtenrechtlichen Entscheidungen beteiligt und nehmen an Tarifverhandlungen teil. Die Dienstleistungszentren des dbb sind Teil der umfassenden Rechtsberatung, auf die unsere Mitgliedsverbände im Bedarfsfall zugreifen können.

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