Mittwoch, 30. November 2022

Was wollen Azubis?

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Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg ist Teil der Online-Redaktion, koordiniert das E-Journal und unterstützt digitale Veranstaltungen. Auch in ihrer Freizeit ist sie gerne auf Veranstaltungen unterwegs, dann aber als Kamerafrau oder Lichttechnikerin.

Hochqualifizierte Bewerber*innen im Überfluss – davon können viele Arbeitgeber aktuell nur träumen. Den sogenannten Arbeitgebermarkt gibt es längst nicht mehr, stattdessen: Viele freie Stellen und bei weitem nicht genügend Interessierte, um diese zu füllen. Während angehende Auszubildende oft sogar zwischen mehreren Arbeitsstellen wählen können, müssen Behörden und Unternehmen sich im Kampf um Nachwuchskräfte beweisen. Doch was überzeugt potenzielle Auszubildende?

Das Angebot an Ausbildungsberufe ist vielfältig. Für künftige Azubis ist es da gar nicht so einfach, sich für die richtige Stelle zu entscheiden. Corona hat auch hier die Situation noch einmal verschärft, schließlich war das Kennenlernen neuer und bis dahin unbekannter Berufsfelder in den letzten Jahren kaum möglich. Nicht verwunderlich also, dass der Wunsch nach mehr Berufsorientierung bei Jugendlichen groß ist. Auszubildende im Öffentlichen Dienst sowie Schüler*innen, die diesen Karriereweg anstreben, sehnen sich danach, schon während der Schulzeit besser auf die Berufswahl vorbereitet zu werden und mehr Unterstützung und Beratungsangebote von Seiten der Schule zu bekommen. Das ergaben die „Azubi-Recruiting Trends 2022“, eine Online-Umfrage der u-form Testsysteme GmbH & Co. KG (Solingen).  

Um die richtige Entscheidung zu treffen, ist es den jungen Menschen wichtig, ihre Stärken und Talente besser kennen zu lernen. Vor allem Testverfahren, bei denen Ausbildungsberufe anhand von eigenen Fähigkeiten vorgeschlagen werden, kommen daher bei Bewerber*innen gut an. Generell wünschen sich die Befragten ein größeres Angebot an virtuellen Einblicken in verschiedene Berufsfelder. Aber auch praxisnahe Erfahrungen spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung. Verpflichtenden Schulpraktika ab der siebten Klasse und freiwillige Praktika in den Ferien wären aus Sicht der Befragten hilfreich bei der Berufswahl. Laut eigener Aussage würden die künftigen Nachwuchskräfte im Öffentlichen Dienst außerdem gerne vorab mit aktuellen oder ehemaligen Auszubildenden ins Gespräch kommen und sich über deren Erfahrungen austauschen.

Am Ziel vorbei

Praktika, Ausbildungsbörsen und die Agentur für Arbeit – das sind laut Angaben der Ausbilder*innen die Kanäle, mit denen letztendlich am erfolgreichsten potenzielle Bewerber*innen angesprochen werden. Google stufen die Ausbilder*innen als wenig erfolgreich ein. Und dass, obwohl die Suchmaschine für Bewerber*innen das Mittel der Wahl ist, wenn es darum geht, sich über mögliche Ausbildungsstellen zu informieren. Hier zeigt sich deutlich, dass die Nutzungsgewohnheiten von potenziellen Azubis und den Arbeitgebern weit auseinander liegen. Die von Bewerber*innen bevorzugten Kanäle entsprechen nicht denen, die von Arbeitgebern vermehrt zum Recruiting verwendet werden. Während beispielsweise vier von fünf angehenden Azubis Google für ihre Ausbildungsplatz-Recherche nutzen, macht nur jeder vierte Ausbildungsbetrieb im Recruiting-Prozess gezielt Gebrauch davon. An dieser Stelle besteht für Arbeitgeber noch Luft nach oben.

Auch Bewertungsplattformen und Karriereseiten für Azubis werden von Ausbildenden deutlich weniger genutzt als von den Bewerber*innen und besitzen damit ebenfalls ungenutztes Potenzial. Im Gegensatz dazu nehmen Betriebe beispielsweise kostenlose Ausbildungsanzeigen bei der Agentur für Arbeit gerne in Anspruch, für künftigen Auszubildenden spielen diese jedoch kaum eine Rolle. Zu den Top drei der von Bewerber*innen genutzten Infokanäle zählen neben Google die Karriereseiten von Unternehmen und Anzeigen in Jobbörsen. Aber auch der Rat von Eltern oder Lehrkräften, Social Media, Praktika und Bewertungsplattformen dienen vermehrt als Informationsquellen, wobei v. a. letztere zunehmend an Wichtigkeit gewinnen.

Worauf es ankommt

Häufig wird heute angenommen, dass man die aktuelle Bewerbergeneration nicht mehr mit Texten, sondern nur noch mit Bild- und Videomaterial erreichen kann. Das spiegelt sich auch in der Präsentation von Unternehmen auf deren Karriereseiten oder in Stellenanzeigen wider. Damit werden die Arbeitgeber den Erwartungen der Zielgruppe nicht gerecht. Zwar hat die grafische Gestaltung von Karriereseiten und Stellenanzeigen einen starken Einfluss auf die Bewerber*innen, potenzielle Azubis legen allerdings gleichzeitig sehr wohl großen Wert auf Texte. Kein Wunder, schließlich wünschen sich die Befragten aus dem Bereich Öffentlicher Dienst genauere Informationen über mögliche Ausbildungsstellen. Neben Ausbildungsinhalten und Informationen zur Tätigkeit und zum Gehalt möchten sie hier bereits ihre Möglichkeiten nach der Ausbildung aufgezeigt bekommen.

Wann ein Ausbildungsplatz besonders attraktiv ist, dass bewerten Bewerber*innen insgesamt sehr unterschiedlich. Kein Faktor stach bei der Umfrage besonders heraus. Am häufigsten nannten die Befragten das Betriebsklima als Attraktivitätsfaktor und auch Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Gehalt und Sozialleistungen schafften es aufs Treppchen der meistgenannten Faktoren. Im direkten Vergleich ziehen 57 Prozent der Jugendlichen gute Jobmöglichkeiten der großen Jobsicherheit nach der Ausbildung vor. Im Wettbewerb zwischen Geld oder Freizeit gewinnt der Faktor Geld mit ebenfalls 57 Prozent. Das heißt jedoch nicht, dass Jobsicherheit und Freizeit für die Bewerber*innen nicht von Bedeutung sind. Im direkten Vergleich werden diese Aspekte zwar geringer gewichtet, alles in allem werden potenzielle Azubis sich jedoch für die Ausbildungsstelle entscheiden, die in allen Bereichen möglichst gute Angebote macht. Noch eindeutiger sind die Ergebnisse dann, wenn die angehenden Nachwuchskräfte zwischen einer hohe Ausbildungsvergütung und einem klimafreundlichen Unternehmen wählen sollen. Fast drei Viertel der Befragten würden hier das Geld bevorzugen. Zwar setzten sich die Nachwuchskräfte im Alltag gerne für ihre Umwelt ein, in dem sie z. B. Energie und Papier einsparen, weitergehendes Engagement in diesem Bereich überzeugt jedoch nicht einmal ein Fünftel der Befragten.  

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