Dienstag, 27. Februar 2024

Das autofreie Dorf

Meine Welt ist ein Dorf

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Tanja Klement
Tanja Klement
Tanja Klement kümmert sich um Social Media und Podcast. Nach Feierabend sitzt sie gerne noch an der Nähmaschine.

Für Städte gilt es als modern, wenn sie „walkable“ sind – wenn also alle alltäglichen Wege zu Fuß bewältigt werden können. Mir als Dorfkind kommt das bekannt vor. Aber weniger als positives Beispiel. Was in meinem 400-Seelen-Dorf vorhanden war, war gut zu Fuß zu erreichen. Und alles andere…nicht. Weil die Bus- und Bahnanbindung im ländlichen Raum nach wie vor sehr spärlich verteilt ist, ist es durchaus normal, nachts als kleine Gruppe auch mal 2 Stunden nach Hause zu laufen, wenn die Party zu Ende ist. Das ersetzt natürlich keinen Bus, sollte aber verdeutlichen, dass eine „gute Erreichbarkeit“ auf dem Dorf eine andere Definition haben darf, als in der Stadt.

Wenn ich es gewohnt bin, in 10 Minuten auch mit dem Fahrrad mindestens drei Supermärkte erreichen zu können, erwarte ich mehr von einer Verbesserung der Stadtstruktur, als wenn ich selbst mit dem Auto 15 und mehr Minuten zum nächsten Laden brauche. Wenn wir moderne Mobilitätskonzepte und Ideale der Stadtplanung also auch im ländlichen Raum adaptieren wollen, dürfen wir den Erwartungshorizont durchaus anpassen.

Der Traum von der autofreien Stadt baut auf kurze Wege. Damit ein Dorf mit weniger als einem Auto pro fahrtauglicher Person funktioniert, muss vor allem das ÖPNV-Angebot bedarfsgerecht angebaut werden. Das mit dem Schulbus – das funktioniert in der Regel noch ganz gut. Aber mit dem Bus zum Arzt, zum Einkaufen oder auf einen Kaffee in die Stadt? Wenn das eigene Ziel nicht zufällig neben der Schule liegt, kann es passieren, dass man zwar mit öffentlichen Verkehrsmittel zum Termin, nicht aber wieder zurück kommt. Das Auto bleibt das Mittel der Wahl. Das bedeutet aber auch, dass es im Alter das Ende jedweder Selbständigkeit bedeutet, das Fahren aufgeben zu müssen. Eine Tatsache, die selbst in der politischen Debatte um die Überprüfung der Fahrtauglichkeit im Rentenalter zum Tragen kam. Kann das unser Ziel sein?

Das DARF nicht unser Ziel sein. Stattdessen müssen wir die Strukturen schaffen, die die „Nachteile“ des Landlebens ausgleichen. Dazu gehören Mobilitätsangebote aber auch eHealth-Programme, gute Netzinfrastruktur, Förderung kleiner Ladengeschäfte für alltägliche Besorgungen und diverser Freizeitangebote.

Positiver Nebeneffekt: Die Dörfer, die heute mit Überalterung und Leerstand zu kämpfen haben, werden so langfristig attraktiver für jüngere Menschen. Auf lange Sicht entstünden wieder Dorfgemeinschaften, die demographisch durchwachsen und gut vernetzt wären. In einem Dorf mit weniger Autos und mehr Chancen.

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