Sonntag, 4. Dezember 2022

Eine Beamtenlaufbahn – verstaubt oder sinnstiftend?

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Der öffentliche Sektor ist ein attraktiver Arbeitgeber. Vielleicht nicht unbedingt aus finanzieller Sicht, aber aus ideeller auf jeden Fall. Der öffentliche Sektor bietet vielfältige Jobs, die sinnstiftend sind. Statt für die Portemonnaies der Aktionäre zu arbeiten, leisten die Beschäftigten einen Beitrag für unsere Gesellschaft. Gerade Aufgaben in zukunftsrelevanten Themenfeldern wie Klimaschutz, Schulentwicklung, Digitalisierung sind häufig und machen damit den öffentlichen Sektor zu einem interessanten Arbeitsumfeld.

Für Abiturient*innen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, sich auf eine Beschäftigung im öffentlichen Sektor vorzubereiten. Entweder durch ein Duales Studium oder durch ein selbst gewähltes Studium mit einschlägiger Fachrichtung an einer Fachhochschule oder Universität.

Länder und Kommunen bieten den Einstieg in die Beamtenlaufbahn über ein duales Studium. Das heißt, praktische Phasen in verschiedenen Bereichen der Verwaltung und das Studium an der jeweiligen Hochschule für Polizei und Verwaltung wechseln sich ab. Am Ende wird ein Bachelor-Abschluss erworben und das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit im gehobenen Dienst ist so gut wie sicher. Nach einem frei gewählten Bachelorstudium besteht ebenfalls die Möglichkeit, sich auf eine Stelle im öffentlichen Sektor zu bewerben. Dann wird in der Regel auch Berufserfahrung vorausgesetzt und eine Verbeamtung ist nur noch bei Vorliegen verschiedener Voraussetzungen möglich; viele Kommunen lehnen eine Verbeamtung dieser Querwechsler*innen auch ganz ab.

Liegt ein wissenschaftliches Hochschulstudium vor, bieten Bund, Länder und Kommunen Einstiegsprogramme für den höheren Dienst. Häufig sind diese noch sehr stark auf Jurist*innen zugeschnitten. Die Verwaltung hat aber den Bedarf erkannt, sich auch für andere Absolvent*innen zu öffnen. Gerade bei Bund und Land ist eine Verbeamtung am Ende vorgesehen; das gilt oft sogar bei einem Einstieg als Berufserfahrene*r. Kommunen sehen im höheren Dienst eine Verbeamtung häufig nur für Jurist*innen vor. Wer kein wissenschaftliches Hochschulstudium absolviert hat, kann nur in den höheren Dienst aufsteigen, wenn eine Weiterqualifizierung erfolgt. Am besten mit einem anerkannten Master. Einige Gebietskörperschaften bieten aber auch eigene Weiterqualifizierungsprogramme an.

Dieser Überblick zeigt, dass bereits die Wahl des Studiums entscheidend dafür ist, wie der persönliche Karriereweg in einer Verwaltung laufen wird und insbesondere, ob eine Verbeamtung später möglich ist. Insofern stellt sich die Frage, ob eine Verbeamtung erstrebenswert ist?

Die Verbeamtung bedeutet eine hohe Bindung an den Arbeitgeber Staat. Wechsel sind möglich, aber mit gewissen Einschränkungen. Was spricht also für eine Verbeamtung? Was dagegen?

Wer regional verwurzelt ist und eher ein lokales statt ein internationales Arbeitsumfeld bevorzugt, findet bei den öffentlichen Arbeitgebern ein interessantes Umfeld. Gerade in Kommunen gibt es vielfältigste Betätigungsfelder: Finanzen, IT, Personalmanagement, Kultur, Umwelt, Bauen, Gesundheit, Soziales, … Kaum ein Unternehmen wäre in der Lage, so eine Bandbreite an Beschäftigungen anzubieten. Rotationen innerhalb der Kommune sind meist einfach, so dass trotz der Ortsgebundenheit ein vielfältiger Arbeitsplatz erwartet werden darf.

Wer später doch den Wohnort wechseln möchte, kann sich bei anderen Behörden bewerben. Mit einigen bürokratischen Mühen sollte der Wechsel in das Beamtenverhältnis bei einem anderen Dienstherrn kein größeres Problem darstellen.

Finanziell ist das Beamtenverhältnis immer noch eine sichere Bank. Dank klarer Besoldungsstrukturen ist relativ leicht prognostizierbar, wie hoch der Verdienst sein wird. Pauschal kann gesagt werden, dass dieser in der Privatwirtschaft höher ist. Die Beamtenpensionen kompensieren dies überwiegend erst im Alter. Werden Angestellte im öffentlichen Dienst mit Beamten mit gleichen Karriereschritten verglichen, ist wohl die Beamtenbesoldung immer attraktiver. Wird der öffentliche Dienst aber mit Karrierestationen im privaten Sektor kombiniert, wird die Beamtenbesoldung nicht mithalten können. Das Handelsblatt hat in der Ausgabe vom 20.12.2020 eine Modellrechnung vorgelegt, die einen Überblick gibt. Die Website glassdoor.de gibt Anhaltspunkte für Gehälter im privaten Sektor, während oeffentlicher-dienst.info die Beamtenbesoldung und Tarifgehälter im öffentlichen Sektor zeigt. Beim Blick auf das Gehalt ist auch zu bedenken, dass es im öffentlichen Sektor oft leichter ist, eine familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung zu vereinbaren.

Weiterbildung wird natürlich auch im öffentlichen Sektor gefördert.

Wer die Abwechslung liebt, sich breiter qualifizieren möchte und ein größeres Maß an Freiheit wünscht, ist als Beamt*in vielleicht weniger gut aufgehoben. Trotz der Jobvielfalt im öffentlichen Dienst bietet sowohl der private als auch der Non-Profit Sektor Bereiche, die eine Karriere bereichern. Insbesondere für die Menschen, die einen klaren fachlichen Fokus haben, z.B. auf Finanzen, IT oder Personal. Mit solcher Expertise ist es toll, sich unterschiedliche Unternehmen in verschiedenen Branchen anzusehen. Unternehmensberatung, internationaler Großkonzern, Sozialunternehmen oder kleines Start-Up können bereichern. Hierdurch wird eine tri-sektorale Kompetenz (public, private, non-profit) erworben, die zunehmend gefragt ist.

Unternehmen aller drei Sektoren setzen heute auf Weiterbildungsmaßnahmen, um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Zu beachten ist allerdings, dass sich Unternehmen technologisch auf einem anderen Entwicklungstand befinden. Behörden stehen überwiegend noch am Anfang der Automatisierung ihrer Geschäftsprozesse. Während sie immer noch dabei sind, die eAkte einzuführen, medienbruchfreie Prozesse zu etablieren oder gar das Fax abzulösen, experimentieren viele Unternehmen schon mit künstlicher Intelligenz, um den nächsten Level der Automatisierung zu erreichen. Somit ist das Qualifizierungspotenzial im privaten Sektor viel größer, weil – in Bezug auf Digitalisierung und moderne Technologien – Berufserfahrungen viel zeitgemäßer gesammelt werden können.

Auch die Arbeitskulturen sind unterschiedlich. Im privaten Sektor sind moderne Arbeitsplätze, Home-Office, flexible Arbeitszeiten, zeitgemäße Weiterbildungsangebote, Versetzungsmöglichkeiten ins Ausland und ein eigenverantwortliches Miteinander in flachen Hierarchien eher zu finden. Diesen Nachholbedarf haben zwischenzeitlich auch viele Behördenleiter*innen erkannt. Gerade in Bezug auf die Arbeitsplatzgestaltung, Home-Office, Weiterbildung und Hierarchiedenken wird aktuell viel bewegt. Trotz dieses Einsatzes ist der Rückstand bei der Gestaltung der Arbeitsprozesse hoch. Es wird Jahre dauern, diesen aufzuholen, so dass eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst in dieser Hinsicht persönliche Weiterentwicklungen behindert.

Dem Beamtentum wird zu Recht eine höhere Jobsicherheit zugesprochen. Für Angestellte im öffentlichen Dienst gilt das gleichermaßen. Im privaten Sektor zeigen Insolvenzen und wirtschaftlich getriebene Restrukturierungen von Unternehmen, dass die Jobsicherheit trotz guter Arbeitnehmerschutzgesetze nicht ganz so hoch ist. Dem kann man sicherlich nur durch gute Ausbildung und kontinuierliche Weiterbildung entgegenwirken.

Ist die Entscheidung für die Verbeamtung gefallen, ist das oft eine Entscheidung fürs Leben. Aus dem öffentlichen Sektor in den privaten zu wechseln ist meistens mit Einschnitten bei der Altersversorgung verbunden. Zwar haben die meisten Länder sowie der Bund Regelungen geschaffen, durch die ein Altersgeld zur Nachversicherung in der gesetzlichen Rentenversicherung gezahlt wird, aber Einbußen bleiben. Das heißt, dieser Wechsel lohnt sich nur, wenn er in jungen Jahren erfolgt und das Gehaltserzielungspotenzial im privaten Sektor hoch ist, was sicherlich von Fachrichtung und Branche des privaten Arbeitgebers abhängt.

Fazit: Wer zu Beginn der Ausbildung das Studium frei wählt, später in verschiedenen Branchen arbeitet, nur zeitweise als Tarifangestellte*r in den öffentlichen Sektor querwechselt, qualifiziert sich breit, hat hohe Flexibilität und genießt sinnstiftende Jobs in unterschiedlichen Sektoren! Wer hohe Jobsicherheit wünscht und eine begrenzte Mobilität nicht scheut, hat als Beamt*in einen Top Job!

Prof. Dr. Isabell Nehmeyer-Srocke lehrt im Studiengang Public und Non-Profit Management der Frankfurt University of Applied Sciences und bildet damit die Gestalter*innen des öffentlichen Sektors aus, die meistens nicht die Beamtenlaufbahn einschlagen, sondern auf trisektorale Kompetenz und Flexibilität setzen. Sie selbst ist nach vielen Jahren in der Privatwirtschaft als Leiterin der Kämmerei der Stadt Köln in den öffentlichen Sektor gewechselt. 2020 gründete sie das Querwechsler-Netzwerk, das sich für mehr Austausch zwischen den Sektoren einsetzt.

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