Dienstag, 27. Februar 2024

Mobilität und Stadtnatur gemeinsam denken

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In der nachhaltigen Entwicklung und bei der Förderung gesellschaftlicher Zukunftsfähigkeit kommt (Fach-)Hochschulen einen zentrale Rolle zu: Sie sind online wie offline Begegnungsorte und Wissenshorte unterschiedlichster Menschen und anwendungsorientierter Disziplinen. Dennoch braucht es bisher die Vehemenz Einzelner, um Projekte anzustoßen, die als Wegweiser für die eigene Ausrichtung fungieren können. Ein Beispiel ist das „Beet & Bike“-Projekt an der Berliner Hochschule für Technik.

Entstanden ist die Idee im Projektlabor „Zukunft & Nachhaltigkeit“, in dem Studierende aller Fachrichtungen eigene Projekte umsetzen können, um anhand ökologisch-ausgerichteter Projekte und Veranstaltungen über Fachgrenzen hinweg miteinander in Kontakt zu kommen und Problemlösungskompetenzen zu entwickeln. Die 2017 ins Leben gerufene Lehrveranstaltung wird von Studierenden und Ehemaligen des Rats für Zukunftsweisende Entwicklung (RZE), einer Studierendeninitiative, betreut.

PLZN-Team (Foto: Roman Süsin/RZE)

Am Anfang stand die Begeisterung für „Lastenrad-Sharing“ (Becker/Egermann 2018) als emissionsarme Form der urbanen Mobilität und der Logistik. Daneben verfügte die Gruppe neben Maschinenbau-Studierenden auch über umfassende Expertise im Gartenbau. Womöglich konnte also auch „urban gardening“ eine Rolle spielen. Viele der Studierenden hatte sich bereits auf Spendenbasis öfter die Cargobikes genannten Transporträder bei Jugendzentren, Sportvereinen und Bürgerämtern ausgeliehen – was dank des Forums Freie Lastenräder seit etwa 2018 in Berlin und vielen weiteren Städten in Mitteleuropa über Online-Portale möglich ist. Damit erhalten auch diejenigen Zugang, für die ein Lastenrad zu groß oder zu teuer wäre. Mit der Entwicklung eines eigenen Leih-Lastenrads war ein eindeutiger Beitrag zur transformativen Stadtentwicklung zu erwarten (vgl. Schellnhuber et al. 2016).

Ein „integriertes Nachhaltigkeitskonzept“ war daher allen Beteiligten von Anfang an sehr wichtig. Neben einer Evaluation der Beschaffung (Eigenbau, Refurbishment, Neukauf) waren auch Herstellung, Instandhaltung, Offenheit (Open-Source-Dokumentation) und flächenarme Multifunktionalität entscheidend für das Team:

Lastenkalle beladen (Foto: RZE, CC-BY 4.0)

Der Bau erfolgte innerhalb von drei Monaten auf dem Gelände des Berliner Lastenrad-Netzwerks (BLN), das Metallbau- und Schweißgeräte zum Eigenbau bereitstellt. Die Studierenden konnte so ihr technisches Wissen vertiefen, auf den Erfahrungsschatz früherer DIY-Projekte zurückgreifen und ihre Kenntnisse untereinander weitervermitteln. Ein nachfolgendes Projekt der Studierenden entwickelt derzeit ein Lastenrad mit nahezu vollständig kompostier- und modifizierbarem Rahmen.

Um das Lastenrad vor der Witterung zu schützen, sahen die Studierenden eine Unterbringung in einer aus Holz gezimmerte Garage vor. Um aber zeitgleich keine zusätzliche Erhitzung durch Bodenversiegelung, sondern eine kooperative Landnutzung zu forcieren (vgl. Pittel et al. 2020), brachten sie seitlich und auf dem Dach der Garage Pflanzflächen für Kräuter und insektenfreundliche Nutzpflanzen an. Das „2-in-1-Prinzip“ des Designs, nach dem städtebauliche Einrichtungen wie das Hochbeet immer mindestens zwei verschiedene Zwecke am gleichen Ort vereinen sollen, hatte sich einer von ihnen auf einer Konferenz mit Jeroen van den Hoven (TU Delft) abgeschaut.

Die Umsetzung des Lastenradprojekts erfolgte durch Förderung des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), der Nationalen Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums (BMU) und der Quartiermeister-Brauerei. „Dabei waren aber immer eigene Vorschüsse vonnöten,“ hört man von den Studierenden. „Öffentliche Einrichtungen wären eigentlich prädestiniert, derartige Graswurzelansätze aufzugreifen, um sich auch infrastrukturell im Bewusstsein der Nachbarschaft zu verankern.“ Sie könnten so einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und ökologischer, sozialverträglicher Mobilität leisten, finden sie. Mittlerweile hat eine andere Berliner Hochschule die Idee übernommen; das Fahrrad der Studierenden ist mittlerweile von mehreren hundert Personen ausgeliehen worden und weiterhin in Berlin-Wedding ausleihbar.

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Wer mehr über nachhaltige Kooperationsformen von öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft erfahren möchte, findet unter dem Stichwort „Commons-Public-Partnership“ jede Menge Anregungen für „auf die lokalen Bedingungen angepasste Lösungen“, um „offene und diskriminierungsfreie Infrastrukturen“ (Helfrich/Bollier 2019) zu schaffen.

Literaturnachweis

  • Sophia Becker und Florian Egermann: Lastenrad-Sharing. Die Verkehrswende selber machen. Vortrag zur Konferenz re:publica. Berlin, 2018. [PDF]
  • Hans-Joachim Schellnhuber et al.: Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte. Hauptgutachten. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Berlin 2016. [Link mit PDFs]
  • Karen Pittel et al.: Landwende im Anthropozän. Von der Konkurrenz zur Integration. Hauptgutachten. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Berlin 2020. [Link mit PDFs]
  • Silke Helfrich und David Bollier: Frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons. Transcript, Bielefeld 2019. [PDF]

Paul Jerchel ist Student und Kuratoriumsmitglied der Berliner Hochschule für Technik. Er hat „Beet & Bike“ mit vielen anderen in seiner Freizeit entwickelt und begleitet. Daneben ist er stellvertretender Zugführer in der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) und studentischer Mitarbeiter einer großen Wissenschaftsorganisation.

Bei DIY fördert der VCD noch weitere spannende Projekte, eins davon ist der Raumcast.

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