Montag, 22. April 2024

SDG 16 – Was war das noch gleich?

Mit Weitblick

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Wir alle haben schon von den 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen gehört. Diese Ziele sind weit mehr als nur eine bunte Ansammlung von Kacheln – sie wurden von den Mitgliedstaaten in der UN-Generalversammlung 2015 einstimmig beschlossen, und sie sind im erforderlichen Ausmaß ratifiziert. Sie gelten also und die Staaten haben sich verpflichtet, diese zu erreichen.

Alle 17 SDGs sind wichtig, greifen ineinander und bedingen sich gegenseitig – und doch sind Einige bekannter als Andere. Keine Armut, kein Hunger, Geschlechtergleichheit, Klimaschutz – bei diesen bedingungslos geltenden SDGs steht das Ziel im Titel.

Anders bei SDG16: Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen. Über den Begriff Frieden hinaus ist dieser Wörterkanon weder einprägsam noch greifbar. Und doch beschreibt SDG16 unabdingbare Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung, nämlich die Abwesenheit von Krieg, körperliche Unversehrtheit, Schutz durch ein stabiles Rechtssystem und inklusive Gesellschaften.

Wir sind aktuell Zeug*innen der größten Anzahl gewaltsamer Konflikte, die die Welt seit 1946 erlebt hat. Ein Viertel der Weltbevölkerung, etwa zwei Milliarden Menschen, leben in konfliktbetroffenen Ländern. Im Mai 2022 überschritt die Zahl der Menschen, die vor Konflikten, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Verfolgung fliehen mussten, 100 Millionen, so der SDG-Bericht 2022. Kriege und Konflikte treffen arme und schwache Bevölkerungen am stärksten, sie haben globale Wirkungen und lassen Menschenrechtsverletzungen und humanitären Bedarf eskalieren.

Auf der globalen Ebene sind zu viele Menschen auf zu instabile und unzulängliche Institutionen angewiesen. Sie haben keinen Zugang zu einem Justizsystem, zu Informationen oder zu anderen Grundfreiheiten. Kriegerische Konflikte sowie häusliche oder kriminelle Gewalt bedrohen das Leben von Millionen Menschen nicht nur unmittelbar, sie verschlechtern auch die langfristigen Lebensbedingungen – etwa durch die Verringerung der Ernteerträge und Ressourcen bis hin zur Verringerung der Bildungs- und damit der Teilhabemöglichkeiten.

Unabhängig von der politischen Einstellung, des Alters, der Herkunft, der Hautfarbe, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder der Konfession – kein Mensch sucht sich bei Geburt die Nationalität aus. Viele Menschen werden in bestehende Konflikte, in bestehende Ungerechtigkeiten hineingeboren und damit qua Geburt vieler ihrer Rechte beraubt.

Was soll neben Frieden an sich überhaupt erreicht werden?

Zugrundeliegendes Ziel ist die Verringerung aller Formen von Gewalt. Gewaltbedingte Sterblichkeit soll verringert werden, insbesondere die der verletzlichsten Gruppen – Kinder und Frauen.  Es gilt, Rechtsstaatlichkeit auf nationaler und internationaler Ebene zu fördern, einen gleichberechtigten Zugang aller Menschen zur Justiz und zu Informationen zu gewährleisten und Grundfreiheiten zu schützen.

Die Vereinten Nationen setzen sich auf vielfältige Weise auf der globalen Ebene für Frieden und Gerechtigkeit ein. Um nur einige Beispiele zu nennen: Internationale Verträge und Deklarationen schützen Menschenrechte oder bieten bei Missachtung die Grundlage, Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen zu können. UN-Friedensmissionen, also die sogenannten “Blauhelme”, arbeiten auf vier Kontinenten für Friedenssicherung. Die Vereinten Nationen leisten Nothilfe, helfen Menschen, die vor Verfolgung fliehen und koordinieren Hilfsappelle für humanitäten Bedarf, um Lebensgrundlagen von Menschen zu verbessern. Die Vereinten Nationen arbeiten auch an Leitlinien und internationalen Rechtsrahmen zur Bekämpfung von Desinformation.

Was kannst Du machen?

Holt man das Thema Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen von der oft abstrakten multilateralen Ebene „herunter“ auf die nationale oder gar regionale Ebene, bedeutet SDG16, dass jede*r einen Beitrag leisten kann, um bestehende Rechtsstaatlichkeit zu wahren und zu stärken. Wie genau?

Werbt für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Werdet Teil von Organisationen oder Vereinen und unterstützt sie mit eurer Zeit. Schafft bei Freund*innen und Bekannten Bewusstsein dafür, dass es auf der Welt nicht selbstverständlich ist, die Freiheiten zu haben, die wir in Deutschland haben. Geht wählen. Engagiert euch als Wahlhelfer*innen. Bekämpft Desinformation im Netz und überprüft Quellen. Nutzt eure Medienkompetenz, um Zukunft mitzugestalten. Zeigt Zivilcourage. Unterstützt Qualitätsjournalismus – also freie und unabhängige Medien, die ein breites, faktenbasiertes Meinungssprektrum abbilden. Öffentlich sichtbare Aktionen helfen – nehmt an Demos oder Kundgebungen teil, die euch wichtig sind. Setzt euch im Internet und auf der Straße für Gleichberechtigung und Vielfalt ein. Seid solidarisch mit vulnerablen Gruppen.

SDG16 zeichnet sich in besonderer Weise durch seinen notwendigen, fortdauernden Schutz aus. Gilt eines der Nachhaltigkeitsziele in einem Land, wie etwa die öffentliche Versorgung mit sauberem Trinkwasser (SDG6) etwa in Deutschland als erfüllt, ist SDG16 hingegen eine gesamtgesellschaftliche, fortlaufende Aufgabe. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen sind kein abgeschlossener Prozess, sie müssen stetig gestärkt und geschützt werden. Sie entstehten und reifen durch ständigen Dialog, sie leben von der Haltung und dem Handeln jener Menschen, die sie entfalten.


Amira Grotendiek arbeitet für die Vereinten Nationen im Department of Global Communications im Regionalen Informationszentrum für Westeuropa (UNRIC). UNRIC ist zuständig für 22 Länder, arbeitet in 13 Sprachen und ist Teil des UN-Sekretariats. Zuvor arbeitete sie für eine deutsche Hilfs- und Nichtregierungsorganisation, die sich für nachhaltige Ernährungssicherheit einsetzt.  

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