Samstag, 13. April 2024

Südwestdeutsche Geschichte aus Aktenbergen und Datenfluten

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Die Digitalisierung historischer Quellen im Landesarchiv Baden-Württemberg

In der digital vernetzten Informationsgesellschaft gehört der Auf- und Ausbau eines breiten Onlineangebots von digitalisierten Quellen zu den zentralen Handlungsfeldern von Archiven. Die Digitalisierung von Archiv- und Sammlungsgut unterstützt den gesetzlich vorgeschriebenen Erhalt der Originale und erfüllt die Erwartungen der Bürger*innen an eine moderne, benutzungsfreundliche und serviceorientierte Kultur- und Gedächtnis-, Forschungs- und Verwaltungseinrichtung. Die Wahrnehmung dieser Aufgabe ist Teil des Auftrags des Landesarchivs Baden-Württemberg.

Digitalisierung als Chance…

Seit Anfang der 2000er Jahre verfolgt das Landesarchiv Baden-Württemberg eine systematische Digitalisierungsstrategie mit dem Ziel, eine zeitgemäße und komfortable Nutzung unabhängig von Ort und Zeit zu ermöglichen, die Zugänglichkeit von Quellen zu verbessern und zur Sichtbarkeit des baden-württembergischen Kulturerbes weltweit beizutragen. Die Digitalisierung von Archiv- und Sammlungsgut erfolgt deshalb nicht nur als Reaktion auf individuelle Aufträge von Nutzer*innen, sondern auch proaktiv.

Ausgewählt werden die Bestände auf der Grundlage abgestimmter Kriterien, an erster Stelle der historischen Bedeutung und der Nutzungsfrequenz. In der Regel wird die Digitalisierung an Dienstleister vergeben, während die Bestellungen von Nutzer*innen in den eigenen Reprografiewerkstätten abgewickelt werden. Mittlerweile können Nutzer*innen etwa 17 Millionen digitale Reproduktionen im Online-Findmittelsystem, dem digitalen Katalog des Landesarchivs, anschauen und kostenfrei herunterladen.

Die Zugriffszahlen beweisen eindrücklich, dass digitalisierte Bestände viel und gern genutzt werden. 2021 haben sich Nutzer*innen aus der ganzen Welt 5,5 Millionen Digitalisate anzeigen lassen. Seit Anfang des Jahres wurden im Durschnitt etwa 500.000 Digitalisate im Monat abgerufen, Tendenz steigend.

Erste Einträge im evangelischen Taufregister von Tübingen für das Jahr 1811. Signatur: LABW StAS Wü 110 T 1 Nr. 2916. Permalink: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=6-2784998-6 (Rechte: Landesarchiv Baden-Württemberg)

Besonders beliebt sind Amtsbücher wie Kirchen-, Steuer- und Güterbücher sowie Bauakten, Karten, Pläne und Bildmaterialien. Alles Quellen, die wichtige Informationen für die Familien-, Orts- und Regionalgeschichtsforschung liefern. 2021 wurden deshalb die Zweitschriften der evangelischen Kirchenbücher für Württemberg und Hohenzollern online gestellt. Großer Beliebtheit erfreuen sich ebenfalls die Fotosammlung des Journalisten Willy Pragher, die rund eine Million Fotografien aus der Zeit von 1926 bis 1992 umfasst, die Luftbilder des Landesvermessungsamts Baden-Württemberg von 1968 sowie Entnazifizierungsverfahrensakten aus Nordwürttemberg. Zur Schließung wichtiger Lücken des südbadischen Spruchkammerbestandes hat das Landesarchiv eine Kooperation mit dem Diplomatischen Archiv des Französischen Außenministeriums über die Digitalisierung und Onlinestellung von Entnazifizierungsakten aus der französischen Besatzungszone geschlossen.

Dass Akten nicht nur Papierstapel enthalten, zeigt die Prozessakte von Oskar Becker. Darin überliefert sind die zwei Duellpistolen, die der Jurastudent 1861 beim Mordversuch gegen den preußischen König und späteren Kaiser Wilhelm I. einsetzte. Zu den eindrucksvollsten Quellen des Landesarchivs gehört schließlich das wichtigste Verfassungsdokument des Heiligen Römischen Reiches: Die 1356 von Kaiser Karl IV. ausgestellte Goldene Bulle, die inzwischen Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes ist und natürlich ebenfalls online zugänglich ist.

Neben der Verbesserung der Zugänglichkeit archivalischer Quellen dient die Digitalisierung zwei weiteren Zwecken: Der Schonung konservatorisch oder durch häufige Nutzung gefährdeter Originale (Schutzdigitalisierung) und notfalls auch ihrem Ersatz bei besonders schwerwiegenden Schäden, die eine Nutzung unmöglich machen (Ersatzdigitalisierung).

… und Herausforderung

Zu den zentralen Herausforderungen der Digitalisierung zählt die große Materialvielfalt archivalischer Quellen. Diese reicht von mittelalterlichen Pergamenturkunden mit ihren Siegeln aus Wachs, Metall oder Lack bis hin zu audiovisuellen Medien über Papierakten, Amtsbücher, Fotografien, Briefe, handgezeichnete wie gedruckte Karten und Plakate. Mittlerweile werden auch originär digitale Quellen wie Webseiten, Blogs, elektronisch geführte Akten und Datenbanken in den Archiven überliefert. Daraus ergeben sich unterschiedliche konservatorische und technische Ansprüche, die bei der Planung und Durchführung der Digitalisierung zu berücksichtigen sind.

Oft werden Archivar*innen gefragt, bis wann alle Archivalien fertig digitalisiert sein werden. Aufgrund der beachtlichen Mengen, die in Archiven verwahrt werden, wird dieses Ziel lange unerreichbar bleiben. Allein in den Magazinen des Landesarchivs Baden-Württemberg liegen über 170 Kilometer Archivgut. Würde man all diese Dokumente nebeneinanderlegen, entspräche dies der Fahrtstrecke von Stuttgart nach Konstanz!

Ein Mitarbeiter des Landesarchivs digitalisiert das goldene Siegel der Zweitausfertigung einer von Kaiser Karl IV. ausgestellten Urkunde von 1355. Signatur: LABW HStAS H 51 U 588 a. Permalink zur Erstausfertigung: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-1262564 (Rechte: Landesarchiv Baden-Württemberg)

Neben dem zeitlichen und finanziellen Aufwand des Scannens bzw. Fotografierens von Archivalien fallen die Kosten der Digitalisierung außerdem viel höher aus, als allgemein angenommen wird. Denn entsprechend ihrem Auftrag müssen Archive die langfristige Nutzbarkeit der Digitalisate sicherstellen. Bei der Kalkulation sind deshalb die erheblichen Speicherkosten für die dauerhafte Sicherung der Daten, die oftmals kurze Haltbarkeit von Speichermedien, die schnelle Veralterung von Formaten und Software, die eine regelmäßige Umspeicherung der Daten erfordert, sowie hohe Personalkosten miteinzubeziehen. Trotz des aktiven Einwerbens von Drittmitteln, beispielsweise von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, stellt die Finanzierung von Digitalisierungsvorhaben eine wesentliche Hürde dar.

Darüber hinaus spielen für die Online-Bereitstellung von Digitalisaten rechtliche Aspekte eine wichtige Rolle. Einschränkungen betreffen insbesondere zeithistorische Archivalien, die personenbezogene Daten enthalten oder urheberrechtlich geschützt sind.

Eine weitere Grenze zeigt sich darin, dass digitale Reproduktionen die Materialität von Archiv- und Sammlungsgut nicht wiedergeben können. Für manche Fragestellungen sind aber genau die materiellen Merkmale eines Dokuments von zentraler Bedeutung. Auch das überwältigende Gefühl, das beim Betrachten einer jahrhundertalten Urkunde oder beim Blättern in einer seit langem gesuchten Akte entsteht, ist durch nichts zu ersetzen. Deshalb gilt für alle historisch Interessierten: Ob virtuell am Bildschirm oder physisch im Lesesaal, ein Besuch im Archiv lohnt sich auf jeden Fall!


Dr. Jennifer Meyer ist Archivarin und leitet die Koordinierungsstelle Digitalisierung des Landesarchivs Baden-Württemberg in Stuttgart.


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