Mittwoch, 30. November 2022

Kommunale Selbstverwaltung mit aktiver Bürgerschaft

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Je mehr Menschen sich in der und für die Kommune (ob kleine Gemeinde oder Großstadt) engagieren, umso bessere Chancen hat sie hinsichtlich Resilienz in Krisensituationen, innovativer Lösung sozialer Probleme, demokratischer Teilhabe, Bereitschaft der Menschen zur praktischen Mit-Verantwortung für öffentliche Anliegen u.a.m.

Wie könnt ihr als Kommunalverwaltung ein solches Engagement möglichst vieler Menschen für das Gemeinwohl stärken und eine solche aktive Bürgerschaft fördern?

Wahrnehmung und Wertschätzung: Nehmt die Vielfalt des Engagements mit seinen Potenzialen und Wirkungsmöglichkeiten wahr. Es findet nicht nur als „soziales Ehrenamt“, im Sport oder bei Hilfsorganisationen statt. Es zählen z.B. auch die manchmal widerspenstigen Bürgerinitiativen, die informelle Nachbarschaftshilfe, kulturelle Initiativen und vieles mehr dazu. Eine sehr aufschlussreiche Analyse hierzu findet ihr im Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung.

Schätzt den (potenziellen) gesellschaftlichen Wertbeitrag bürgerschaftlichen Engagements, indem ihr dessen Möglichkeiten ausdrücklich bei euren Planungen mit der Leitfrage berücksichtigt „Welche besonderen Qualitäten und Potenziale können Betroffene oder Interessierte zum Gelingen dieses Vorhabens beitragen?“ Sucht hierzu das Gespräch mit Engagierten.

Diese Art der Wertschätzung ist fruchtbarer als ein jährlicher „Ehrenamtstag“ mit Urkundenverleihungen.

Monitoring der Engagementlandschaft: Verschafft euch (ggf. in regelmäßigen Abständen z.B. alle fünf Jahre) einen Überblick über die aktuelle Engagementlandschaft in eurer Kommune: Wie ist die Lage der Gewinnung und Bindung Engagierter bei den gemeinnützigen Organisationen? Wie ist die Verteilung Engagierter und Nichtengagierter im Gemeinwesen? Welche Gründe gibt es für das Nichtengagement? Welche Engagementbarrieren müssten beseitig, welche förderlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden?

Auf einer solchen Basis könnt ihr ein Konzept zur Förderung des Engagements in eurer Kommune entwickeln, das zu den spezifischen Bedingungen vor Ort passt – wie dies z.B. die Stadt Wolfsburg erfolgreich getan hat.

Forderung und Förderung eines zukunftsorientierten Engagementmanagements gemeinnütziger Organisationen: Das bürgerschaftliche, freiwillige, ehrenamtliche oder auch informelle Engagement findet weitestgehend in den organisierten Zusammenhängen gemeinnütziger Organisationen statt. Wie gut es diesen Organisationen gelingt, Engagierte zu gewinnen und zu binden, hängt vom Vorhandensein eines qualitativ gut entwickelten Engagement- bzw. Freiwilligenmanagements ab. Und die Qualität und die Potenziale der Organisationsleistungen hängen wesentlich auch von dem Vorhandensein und der Vielfalt Engagierter ab.

Bei einer kommunalen Förderung gemeinnütziger Organisationen sollte daher eingefordert werden, dass sie (zumindest im Kontext des geförderten Projekts) nicht nur beruflich Tätige einsetzen, sondern auch Engagierte einbinden. Und es sollten die Organisationen bei Bedarf mit einer Förderung dabei unterstützt werden, ein qualitativ hochwertiges und wirksames Freiwilligenmanagement zu entwickeln und (letztendlich mit eigenen Ressourcen) zu erhalten.

Engagementlernen so früh wie möglich: Jeder Mensch sollte von klein auf die Gelegenheit erhalten zu lernen, was Engagement ist, wie es geht, welche Bereicherung es für einen selbst und darüber hinaus bringen kann. Dies kann schon in der KiTa und sollte auf jeden Fall in der Schule bzw. in der offenen Kinder- und Jugendarbeit geschehen. Auch wenn die Kommunalverwaltung hier keinen direkten Zugriff haben sollte, könnt ihr doch in der einen oder anderen Weise zumindest die Anregung geben, Engagementlernen bzw. „Servicelearning“ in die pädagogische Praxis der Einrichtung zu integrieren.

Denn: Das Engagement für Gemeinwohlanliegen sollte nicht als eine Pflicht, sondern als ein Recht verstanden werden, dessen Anwendung aber ggf. noch erlernt werden muss.

Bei Bürgerbeteiligungsverfahren proaktiv weitergehende Engagementmöglichkeiten erkunden: Bei Beteiligungsverfahren solltet ihr je nach Vorhaben auch die Option der praktischen Mit-Verantwortung und Mitwirkung bei der Umsetzung und dem Erhalt z.B. öffentlicher Orte mit in den Blick nehmen. In Köln hat sich bei solchen Beteiligungsverfahren gezeigt, dass hiermit einerseits absehbare Probleme gelöst werden könnten und dass auf vorhandener Engagementbereitschaft aufgebaut werden kann. (Beispiel: Online-Gespräch “Mitsprache und Mitverantwortung” des Haus der Architektur Köln)

Fachstelle für aktive Bürgerschaft: Für die verwaltungsinterne Koordination sowie die externe Förderung ist die Einrichtung einer Fachstelle möglichst beim Amt der/des (Ober-)Bürgermeister*in sinnvoll, die idealerweise die beiden Handlungsfelder „Bürgerbeteiligung“ und „Bürgerengagement“ integrierend verantwortet – wie dies z.B. in Schwerte der Fall ist.

Fachausschuss für aktive Bürgerschaft: In den meisten Kommunen werden die Handlungsfelder „Bürgerengagement“ und „Bürgerbeteiligung“ als untergeordnete Zuständigkeits-Spiegelstriche im Haupt- oder Sozialausschuss z.B. verortet. Für eine kontinuierliche und strategische Wahrnehmung und Förderung dieser Themen ist die explizite Verortung in einem entsprechenden Fachausschuss sinnvoll. In Köln wurde 2021 dementsprechend ein bestehender Ausschuss zum Ausschuss für „Bürgerbeteiligung, Anregungen und Beschwerden“ ausgeweitet, der – zumindest vorberatend – für strategische bzw. Grundsatzfragen der Bürgerbeteiligung und des Bürgerengagements zuständig ist.

Erfahrungsaustausch: Für die Entwicklung eigener Verwaltungsinitiativen zur Engagementförderung kann der Erfahrungsaustausch mit Kolleg*innen aus anderen Kommunen nützlich sein. Im Kontext Engagementförderung bzw. Beteiligungsförderung sind hier zwei Netzwerke interessant, die euch grundsätzlich offen stehen: Das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement mit der AG „Bürgerschaftliches Engagement und Kommune“ und das „Netzwerk Bürgerbeteiligung“.

Dieter Schöffmann berät mit seiner Firma VIS a VIS Beratung – Konzepte – Projekte insbesondere gemeinnützige Organisationen, Kommunen und (engagierte) Unternehmen zu Fragen der Engagementförderung und des eigenen Engagementmanagements. Im Rahmen eines Managements auf Zeit ist er Bereichsleiter „Politische Partizipation“ bei der Kölner Freiwilligen Agentur e.V. Ehrenamtlich ist er Leiter der BBE-AG „Bürgerschaftliches Engagement und Kommune“ und Mitglied der Steue-rungsgruppe des „Kölner Netzwerk Bürgerengagement“.

(Foto: Martin Bauer)
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