Montag, 26. September 2022

Studieren und Leben in Zeiten von Corona – Eine Herausforderung für die Work-Life-Balance

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Die Corona-Pandemie hat das Leben und Lernen von vielen Student*innen von einem auf den anderen Tag verändert. Praktika, Auslandsemester, Forschungsaufenthalte, Abschlussprüfungen oder auch die seit langem geplante Reise als Belohnung für den Abschluss des Studiums wurden abgesagt, verschoben oder rückten in eine ungewisse Zukunft.

Die Zeit des Studiums ist sicherlich die freieste und unabhängigste Zeit meines Lebens. Ich habe unglaublich viel gelernt, inhaltlich, über Politik, Gesellschaft und Verwaltung, aber auch über mich selbst. Die Freiheiten während des Studiums bieten die Möglichkeiten vieles auszuprobieren, neue Menschen kennenzulernen und sich in der Welt der Universität und im Arbeitsleben zu orientieren. Das verlangt jedoch auch eine stetige Planung und Organisation. Vor allem Praktika in Ministerien oder internationalen Organisationen sowie Auslandsaufenthalte bedürfen einer langen Vorlaufzeit. Daher ist die Freude groß, über die Zusage für das Traumpraktikum oder das Auslandssemester. Umso größer war für mich die Enttäuschung, als mein langgeplantes Praktikum in einem Bundesministerium auf Grund der Pandemie kurzfristig abgesagt wurde. Die Bachelorarbeit frisch abgegeben, die WG sowie meinen Nebenjob in Bonn gekündigt und ein Zimmer in Berlin angemietet. Und dann, eine Woche vor Beginn des Praktikums, die Verkündung des ersten Lockdowns und die Verschiebung des Praktikums auf unbekannte Zeit.

Anstelle von Auslandspraktikum in Beirut, Doktorarbeit in Südafrika oder einem Auslandsemester in Israel, saßen ich und viele meiner Freund*innen nun auf gepackten Koffern, voller Motivation und mit Vorfreude auf neue Erfahrungen. Mit dem ersten Lockdown wurden wir erstmal auf Leerlauf gestellt und mit einer großen Ungewissheit und Unsicherheit konfrontiert. Wir verfolgten die fast täglichen Regierungsansprachen und die Pressenkonferenzen des RKIs in der Hoffnung, mit ein bisschen Verzögerung, doch noch wie geplant unsere nächsten geplanten Projekte anzutreten. Von Tag zu Tag schwand die Hoffnung und die Einsicht stellte sich ein, dass in den kommenden Monaten nicht mit einer Änderung zu rechnen sei.

Seit Ausbruch der Pandemie habe ich mich, und viele meiner Kommiliton*innen, an die ständige Planungsunsicherheit und neuen Lebensumständen gewöhnt.

Wir haben aus unseren WGs Co-Working Spaces, Bibliotheken, Fitnessstudios und Kinosäle gemacht. Für jeden Plan gibt es Alternativpläne, aus Auslandspraktika wurden Online-Praktika und aus den täglichen Mensagängen wurden digitale Kaffeerunden.

Dennoch stellt Corona mich immer wieder vor viele Herausforderungen. Wie kann ich eine gesunde Work-Life-Balance aufrechterhalten, wenn Studieren und Arbeiten sowie die meisten Freizeitaktivitäten im eigenen WG-Zimmer stattfinden? Wie kann die Motivation hochgehalten werden, sich zu engagieren und sich für Auslandssemester und Praktika zu bewerben, wenn alles was mehr als eine Woche in der Zukunft liegt, ungewiss ist?

Vor allem im ersten Jahr der Pandemie war ein gewisses Level an innerer Resilienz gegenüber den immer wieder verlängerten Pandemiemaßnahmen, gegenüber der Planungsunsicherheit und gegenüber der fehlenden örtlichen Abwechslung im Alltag notwendig. Während meines Bachelors waren die Universitätsbibliothek und das Büro die Orte fürs Lernen sowie Arbeiten und meine WG ein Ort zum Abschalten. Corona hat diese Aufteilung für lange Zeit zunichte gemacht. Spaziergänge zum Kopf freibekommen, Joggen für den sportlichen Ausgleich zum vielen Sitzen und viele virtuelle Mittagessen mit Freund*innen waren sehr hilfreich, um mit dem eingeschränkten Bewegungsraum umzugehen. Klebezettel mit zukünftigen möglichen Praktika, Reisezielen, Festivals und Auslandssemestern haben mich durch den Lockdown geleitet und mich stets motiviert, für die Zeit nach dem Lockdown zu planen.

Während des zweiten Lockdowns im November 2020 habe ich dann mit dem Master begonnen. Einführungsveranstaltungen fanden nur virtuell statt, Treffen mit mehr als zwei Personen waren nicht erlaubt. Dabei gehören das Kennenlernen, Austauschen und Vernetzen zu wichtigen Teilen des Studiums. Ich habe mich extra für ein internationales Masterprogramm entschieden, um mit Kommiliton*innen aus der ganzen Welt in Kontakt zu kommen und Wissen und Meinungen über die zukünftige Gestaltung von Politik und den Herausforderungen von Staat und Verwaltung auszutauschen. Dies war in den ersten beiden Semestern jedoch nur sehr bedingt möglich. Die klassischen Treffpunkte wie die Mensa oder der Flur vor dem Vorlesungssaal waren schließlich nicht vorhanden.

Auch die Planung eines Auslandssemesters während der Corona-Pandemie fordert viel Flexibilität. In jedem Land herrschen unterschiedliche Einreisebedingungen und Beschränkungen. Hinter vielen wichtigen Informationen stehen oftmals große Fragezeichen. Plant die Gastuniversität ein weiteres Online-Semester? Unter welchen Bedingungen ist eine Einreise möglich und wie ist es mit der Mobilität vor Ort? In meinem Fall stand erst vier Wochen vor Semesterbeginn fest, dass eine Einreise nicht möglich sein wird. Auch hier stellte sich die Frage, wie mit der Enttäuschung umzugehen ist. Ich hatte bereits vorher Alternativen geplant. Gerade in solchen Momenten ist Veränderung wichtig, vor allem wenn lang geplante Projekte kurzfristig abgesagt werden.

Anstelle von einem Auslandssemester nutze ich jetzt die Zeit, mein Interesse an den Themen der Digitalisierung der Verwaltung zu vertiefen und praktische Erfahrung zu sammeln. In einem Beratungsunternehmen kann ich als Werkstudent viele neue und spannende Einblicke in die Arbeit im Public Sector erhalten und mit daran arbeiten, die Verwaltung fit für die vielen Herausforderungen unserer Zeit zu machen.

Die Corona-Regelungen ermöglichen mittlerweile wieder teilweise das Arbeiten im Büro sowie das Studieren in der Universität. Nach dieser langen Zeit ist es daher besonders schön, in einem Büro mit Kolleg*innen zu arbeiten, gemeinsam Pause zu machen und neue Kommiliton*innen und Kolleg*innen nicht nur online kennenzulernen.

Till Busche hat im Bachelor Politikwissenschaften und Öffentliches Recht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn studiert. Aktuell studiert er an der Universität Potsdam den internationalen Master „National and International Administration and Policy“. Neben dem Studium arbeitet Till als Werkstudent bei dem Beratungsunternehmen Capgemini im Bereich Open Data und Data Driven Government.

In seiner Freizeit joggt er durch die Berliner Parks, probiert neue Sportarten aus und erkundet das große kulturelle Angebot der Hauptstadt.

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