Mittwoch, 28. September 2022

Führung bedeutet Selbstführung

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Als junge Führungskraft bist du mit den unterschiedlichsten Erwartungen konfrontiert. Während du selbst vielleicht noch nicht genau ahnst, was auf dich zukommt, weiß dein Umfeld bereits Bescheid. Deine Mitarbeiter*innen haben ein Bild im Kopf – von dir, eurer Zusammenarbeit und der Art, wie die Arbeitsprozesse im Team zukünftig laufen müssten. Deine Vorgesetzten haben sich bei deiner Einstellung natürlich etwas gedacht und dementsprechend eine genaue Vorstellung von deinem Wirken. Und selbstverständlich hast auch du selbst Erwartungen an deine erste Führungsaufgabe.

Zumindest ging es mir so, als ich 2020 – nach meinem Verwaltungsstudium – die Stelle als Referatsleiter im Berliner Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) antrat. Gegründet im Herbst 2016 arbeiten im LAF 545 Mitarbeiter*innen daran, 20.000 Geflüchtete zu versorgen. Sie kümmern sich um die Registrierung der ankommenden Personen, gewähren Leistungen und bieten ihnen im Laufe des Asylverfahrens Wohnraum. Gemeinsam mit meinem aus 25 Mitarbeiter*innen bestehenden Referat bin ich für das Gebäudemanagement der Flüchtlingsunterkünfte zuständig.

An meinem ersten Arbeitstag war ich 25 Jahre alt. Da war ich in meinem Team mit Abstand der Jüngste – und die jüngste Führungskraft im Haus. Retrospektiv stelle ich fest: Auf einen Führungsjob kann dich kein Studium vorbereiten. Zwar besuchst du Module zu Managementpraktiken, liest entsprechende Literatur und standest vielleicht auch schon mit älteren Führungskräften in Kontakt – aber die Realität trifft dich unvorbereitet. Führungstätigkeiten sind anstrengend. Dessen ist man sich bewusst, bevor man sie beginnt. Die Strategieberatung Boston Consulting Group stellte fest, dass nur 7 Prozent der Beschäftigten in Deutschland eine Führungsaufgabe übernehmen wollen. (faz.net, Chef werden? Nein, danke!, 18.09.2019)

Ich habe gelernt, dass sich die Schwierigkeiten von Führungsaufgaben aus zwei Quellen speisen: aus der inhaltlichen und der Personalverantwortung.

Jeden Tag erwarten deine Kolleg*innen, dass du kluge Fachentscheidungen triffst. Als Führungskraft musst du bereit sein, die Verantwortung deiner Rolle wahrzunehmen, nach Abwägung und im Rahmen von Ermessen zu entscheiden und zu deinen Beschlüssen zu stehen. Dazu gehört auch, sie gegenüber Kritikern maßvoll zu verteidigen.

Personalverantwortung in all seinen Facetten wahrzunehmen, ist besonders herausfordernd. Während einer inhaltlichen Diskussion innerhalb meines Referats verdeutlichte mir eine Mitarbeiterin im Kreise anderer Kollegen, dass sie meine fachliche Kompetenz anzweifelte. Dabei stellte sie auf meine vermeintlich fehlende Lebenserfahrung ab. Sich in einer solchen Situation zu behaupten, ist gerade während der ersten Male besonders schwierig. Ich könnte weitere Beispiele nennen, allerdings sind die Aufgaben auf diesem Feld so vielfältig, wie die Menschen, mit denen man es zu tun hat.

In all diesen Situationen immer den richtigen Umgang zu finden, ist anstrengend. Bisweilen gerät man an seine Grenzen – oder darüber hinaus.

Ich habe in den ersten Monaten meiner Arbeit festgestellt, dass Führung vor allem Selbstführung bedeutet. Nur wer seine Stärken und Schwächen kennt, kann die äußere Arbeitsumgebung nach seinem inneren Kompass gestalten. 

Es gibt keine universell gültige Anleitung dafür, wie junge Führungskräfte mit Schwierigkeiten umgehen können. Hier muss jeder seinen eigenen Weg finden.

Mir hilft die regelmäßige Reflexion, also die retrospektive Auseinandersetzung mit zurückliegenden Erfahrungen im Job. Dabei reflektiere ich in einem zweistufigen Prozess. Zunächst mache ich mir bewusst, welche Anforderungen der Job an mich stellt. Dann überlege ich, welche dieser Anforderungen ich tatsächlich erfüllen kann und möchte. Dabei versuche ich besonders darauf zu achten, was gut lief und infolgedessen weiter in der bisherigen Art von mir vorangetrieben werden kann und wo es einer Nachjustierung bedarf. Diesen agilen Arbeitsansatz finde ich vielversprechend.

So habe ich Prämissen entwickelt, die mich in meiner Arbeit leiten. Es hat sich für mich bewährt, agil und situativ zu führen, um auf die Bedürfnisse meines Umfelds optimal einzugehen. Außerdem lege ich großen Wert darauf, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die es den Mitarbeiter*innen ermöglicht, sich in ihrer Ganzheit in den Beruf einzubringen. Es kommt der Behörde zugute, wenn die Kolleg*innen sich mit ihrer gesamten Lebens- und Berufserfahrung in die Arbeit einbringen. Dies entspricht nicht dem klassisch konformistischen Bild des öffentlichen Dienstes, in dem die Mitarbeiter*innen in festgeschriebenen Rollen agieren. Aber vielleicht bedarf es anderer Arbeitswelten, um zukünftig junge Talente zu gewinnen. Neben dem Sicherheitsaspekt, steht auch der Arbeitssinn und die work-life-balance immer stärker im Fokus der Jobsuche. Agile Arbeitsweisen haben aus meiner Sicht das Potential, die Zusammenarbeit in der Verwaltung nachhaltig zu verbessern und zu modernisieren. Im LAF arbeite ich seit Kurzem an der Implementierung agiler „New Work“-Ansätze. Dies stellt meine zweite Führungstätigkeit innerhalb der Behörde dar.

Eine Führungsaufgabe wahrzunehmen ist immer herausfordernd. Werde dir deshalb zuerst der unterschiedlichen Erwartungen bewusst, mit denen du konfrontiert bist. Dann kannst du bewusst entscheiden welche Anforderungen du erfüllen möchtest. Begib dich in keine Situationen die deiner eigenen, inneren Einstellung zuwiderlaufen. Am Ende geht es darum, dass du deinen eigenen Stil findest und – frei von Erwartungen Anderer – deine Verantwortung wahrnimmst. Das braucht Zeit. Reflexion und Bewusstmachung können dabei gute Begleiter sein.

Marvin Schulz (26) ist Referatsleiter im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Er ist verantwortlich für das behördliche Unterkünftemanagement. Außerdem baut er derzeit ein Referat für „New Work“ im LAF auf. Er hat in Berlin Verwaltungswissenschaften studiert und einen Master of Laws im „Recht für die öffentliche Verwaltung“.

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