Freitag, 1. März 2024

Karneval – ein alter Hut?!

Alaaf und Helau!

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Alaaf, Helau, wie auch immer. Karneval, Fastnacht, Fasnet ist doch ein alter Hut! Organisierte Fröhlichkeit, ein gemeinsames Betrinken alter weißer Männer. Aber bitte nur ab 11.11 Uhr, keine Sekunde früher. Und an Aschermittwoch ist Schluss, danach geht’s weiter, steif und verbohrt wie eh und je. So oder so ähnlich stellt man sich Karneval vor, wenn man nicht gerade in einer der Hochburgen lebt und ihn kennt: Ein fünftägiges Besäufnis mitten im Winter. Warum also nicht gleich nach Malle fliegen (das ist ja bekanntlich auch nur einmal im Jahr); wenigstens ist es da wärmer. Für die Einen ist Karneval also der Inbegriff der Spießigkeit, für die Anderen ein hemmungsloses Flatrate-Saufen mit billiger Abschleppgarantie.

Andere – zumeist eingefleischte Karnevalist*innen – verweisen auf die jahrhundertealte Tradition, die der Karneval hat. Und immerhin hat er ja auch viele unterschiedliche Gesichter. Bunter Straßenkarneval mit Sambarhythmen in Brasilien, traditionelle Masken in Venedig, holzgeschnitzte Masken in Süddeutschland und der Schweiz und andernorts Soldatenuniformen aus der napoleonischen Zeit. Doch überall hat der Karneval eine Gemeinsamkeit: Der Winter wird verabschiedet und die Menschen freuen sich auf den Frühling. So können Interessierte nachlesen, dass schon Griechen, Römer und die alten Ägypter „Karneval“ gefeiert haben, was jedoch nicht selten damals in einer Orgie endete.

Jetzt stellt sich nur die Frage: Kann man so etwas wirklich mit der Verwaltung in Einklang bringen? Und noch mehr, mit dem deutschen Beamtentum, das ja nun landläufig auch nicht gerade für seinen Hip-Faktor bekannt ist.

Und dann hat eine Bundesbehörde auch noch einen eigenen Karnevalsverein – geht’s noch spießiger? Und warum Karneval in einem Amt? Kann man da wirklich Spaß haben? Kommt in so einem Laden wirklich so etwas wie Stimmung auf?

In Bonn gibt’s hier nur eine Antwort, nämlich ‚ja‘! Hier gibt es einen solchen Verein, inmitten einer Bundesbehörde. Und wer sich jetzt verwundert die Augen reibt oder mit Stirnrunzeln reagiert, dem sei kurz erklärt, wie es dazu kam.

Bereits kurz nach Gründung des Bundesjustizministeriums in Bonn nach dem 2. Weltkrieg kam es, wie es kommen musste, wenn zwei Rheinländer aufeinandertreffen. Für einen Verein waren Zwei noch zu wenig. Aber zwei närrische Beamte legten den Grundstein. Und schon 1950 wurde so das erste „Schlipsabschneiden“ an Weiberfastnacht durchgeführt, für diese Zeit und angesichts der vielen Nichtrheinländer*innen eine sicher ziemlich „ungehörige“ Sache. Doch die Minderheit setzte sich durch und bereits 1951 feierte man ausgelassen Karneval, später sogar mit eigenem Prinzenpaar.

Was jahrelang ungeordnet (aber sicher dennoch nicht weniger lustig) so getrieben wurde, wurde dann 1974 verfestigt. Es wurde der Karnevals- und Gesellschaftsclub Justitia als Verein offiziell eingetragen. Im Laufe der Jahre kamen neben der eigentlichen Sitzung an Weiberfastnacht ein Sommerfest, Grillfeste, Ausflüge und Wochenendfahrten, ein Nikolauskegeln und natürlich die traditionelle Sessionseröffnung am 11. im 11. als Veranstaltungen dazu.

Auch die Mitgliederzahlen gingen stetig nach oben. Heute gehört der KGC Justitia mit seinen fast 250 Mitgliedern zu den größeren Vereinen der Stadt Bonn, ist Mitglied im Festausschuss und nimmt regelmäßig mit eigenem Wagen am Rosenmontagszug der Stadt Bonn teil. Jedes Jahr werden eigene Karnevalsorden entworfen und verliehen, die Entwürfe dazu stammen aus den Reihen der Beschäftigten. Die Mitglieder des Vereins rekrutieren sich heute aus dem Bundesamt für Justiz, dem Bundesministerium der Justiz und dem Auswärtigen Amt. Und so sah und sieht man heute auch auf Feiern eine Ministerin beim Bierzapfen, einen Minister beim Versuch, einen Zirkuselefanten zu Kunststücken anzuregen oder Staatssekretäre, die beim Rosenmontagsumzug in Bonn ‚Kamelle‘ und ‚Strüßjer‘ (Süßigkeiten und Blumen für die Nichtrheinländer) in die Menge werfen. Höhepunkt der ganzen Session ist jedoch der Donnerstag an Karneval, Eingeweihten auch als Weiberfastnacht bekannt. An diesem Tag richtet der Verein für alle Beschäftigten der Bonner Dienststelle, und das sind immerhin etwa 1.400 Beschäftigte, eine große Karnevalsparty aus. Hier geben sich dann Prinzenpaare, Tanzcorps und musikalische Größen die Klinke in die Hand und es wird morgens ab 11.11 Uhr bis in den Abend hinein gefeiert und getanzt. So wird für alle Beschäftigten eine Möglichkeit geschaffen, auch außerhalb des eigenen Büros und im Kollegenkreis zu feiern und vielleicht auch andere Kolleg*innen kennenzulernen.

Daneben organisiert der Verein auch heute noch Stadtführungen durch Bonn, besucht die Ausgrabungen unter dem Kölner Dom oder bietet Weinwanderungen an, um nur ein paar Veranstaltungen abseits des Karnevals zu erwähnen. Gerade für Neuankömmlinge in der Region oder der Stadt bietet dies eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und den neuen Dienstort etwas besser kennenzulernen.

Natürlich hat auch der KGC Justitia in den letzten beiden Jahren durch Corona gelitten. Veranstaltungen konnten nicht stattfinden und das Vereinsleben kam weitestgehend zum Erliegen. Aber die Planungen für die nächste Session haben bereits begonnen und man darf sich schon im nächsten Jahr wieder auf diverse Veranstaltungen freuen. Wer sich einen Überblick über den Verein verschaffen will, der Verein ist natürlich auch im Netz angekommen.


Foto: KGC Justitia

Der Karnevals- und Gesellschaftsclub Justitia e.V. in Bonn ist ein Verein mit derzeit etwa 250 Mitgliedern, welche sich größtenteils aus den Beschäftigten des Auswärtigen Amts, des Bundesministeriums der Justiz und des Bundesamts für Justiz rekrutieren. Er wurde 1974 als Verein eingetragen und wird derzeit von seinem Präsident Andreas Folb geführt.

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