Montag, 22. April 2024

Gesundheitszentren statt Krankenhäuser

Von Vorsorge bis Versorgung

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Schließungen unausweichlich

Blankenheim liegt in der idyllischen Eifel ganz im Süden von Nordrhein-Westfalen und benachbart zu Rheinland-Pfalz. Innerhalb von 30 Minuten waren bis zum 31. März 2023 immerhin fünf Krankenhäuser mit dem Pkw zu erreichen. Am 1. April wurde die Einrichtung im rheinland-pfälzischen Adenau geschlossen.

Ebenfalls im Nachbarbundesland liegen die Häuser in Prüm und Gerolstein, auch hier wurde bereits ein schleichender Abgesang des Angebots eingeleitet. Besonders wurde die gynäkologische Versorgung derart zusammengestrichen, dass viele Eifeler Babys mittlerweile im belgischen St. Vith geboren werden. Im internationalen Vergleich verfügt Deutschland über eine gute medizinische Versorgung. Mit Gesundheitsausgaben von gut elf Prozent der Wirtschaftsleistung spielt Deutschland in der Champions League. Wie so oft erleben wir auch bei der gesundheitlichen Versorgung ein starkes Ungleichgewicht zwischen urbanem und ländlichem Raum. Steht die Bevölkerung in der Stadt teilweise einem Überangebot an gesundheitlichen Leistungen gegenüber, läuft vor allem in der rheinland-pfälzischen Eifel ohne weite Anfahrten nichts mehr. Zunehmend wird dort das Angebot sowohl von Arztpraxen als auch von Krankenhäusern abgebaut. Die Investitionskosten von Krankenhäusern werden grundsätzlich von den Bundesländern finanziert. Nur Krankenhäuser, die es in den Krankenhausbedarfsplan schaffen und die sich mit Krankenkassen vereinbart haben, werden eine Zukunftschance haben. Denn nur dann haben sie einen Anspruch auf Übernahme der Investitionskosten durch das jeweilige Bundesland. Das Fördersystem ist innerhalb der Bundesrepublik sehr heterogen, das Fördervolumen verändert sich von Bundesland zu Bundesland.

Qualitätsschwankungen und Fachkräftemangel

Die meisten Expert*innen sind sich einig: Wir haben in Deutschland zu viele Krankenhäuser. Viele kleine Häuser unter 200 Betten können nicht wirtschaftlich arbeiten. Das ist die betriebswirtschaftliche Komponente. Es gibt aber auch eine fachliche Seite: Als Gesundheitsminister Professor Karl Lauterbach noch einfacher Abgeordneter war, meinte er, dass viele Patient*innen es unterschätzen würden, wie groß die Qualitätsunterschiede zwischen den Krankenhäusern seien. Bei bestimmten Eingriffen würden die Erfolgsaussichten mit der Größe des Krankenhauses wachsen. Das leuchtet auch ein. Ein*e Mediziner*in, der/die tagtäglich ausschließlich neue Hüftgelenke einsetzt, hat einfach eine viel professionellere Routine als der/die Kolleg*in in einem kleineren Krankenhaus, der/die mehr Generalist als Spezialist ist. Und schlussendlich kommt eine dritte Komponente hinzu. Der Mangel an Fachkräften macht eine Konzentration auf eine geringere Zahl von Einrichtungen erforderlich. Bleiben weitere Fragen: Was ist für Arbeitnehmer*innen zumutbar, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen und zumutbar für Patient*innen, die schnell in ein Krankenhaus müssen? Das sind Fragen und Erkenntnisse, die aufzeigen, dass ein demonstratives Festhalten am Status quo unverantwortlicher Stillstand wäre.

Geringe Nachfrage bei lokalen Häusern

Nicht förderlich ist es, dass die Krankenhausplanung sehr durch die Lokalpolitik beeinflusst ist. Örtliche Partikularinteressen stehen häufig einer vernünftigen Lösung entgegen. Jeder Versuch einer Strukturveränderung und die Anzweiflung der Sinnhaftigkeit des 100-Betten-Hauses wären politischer Selbstmord von Stadtoberhäuptern sowie Landrät*innen. Auch Kommunalpolitik kann eben nur so ehrlich sein, wie das Wahlvolk es verkraftet. Und wenn die Einheimischen dann mal ins Krankenhaus müssen, wird die örtliche Klinik gemieden. Wem ist es zu verdenken, wenn erwiesenermaßen in kleineren Häusern die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen nach Operationen und Falschbehandlungen höher ist? Die früheren Äußerungen des Gesundheitsministers spiegeln den Geist der anstehenden Gesundheitsreform wider. Ein Ausverkauf der ländlichen Gesundheitsversorgung wird befürchtet. Die dünnere Besiedlung, die geringere Inanspruchnahme stationärer Kapazitäten, topografische Gegebenheiten und eine geringere Arztdichte sind Parameter, die jedoch eine besondere Abwägung erfordern. Nun gibt es nicht nur im ländlichen Raum kleine Krankenhäuser. Deshalb dürfte als erster zwingender Schritt die Schließung von kleineren Einrichtungen in den Ballungsgebieten geboten sein.

Solide Versorgungsdichte im Notfall

In Deutschland muss innerhalb von zehn Minuten eine Notfallversorgung durch den Rettungsdienst gewährleistet sein. Dies gelingt jetzt schon in manchen Gebieten der Eifel nicht mehr. Deshalb müssen gerade diese Regionen mit mehr Kapazitäten (Hubschraubern und besonders gut ausgestatteten Notarztwagen) unterstützt werden. In manchen Rettungswagen kann man bereits während der Fahrt via Telemedizin (wenn das Mobilfunknetz dies möglich macht) über den neuen Fall die Fachmediziner*innen informieren. Gerade Herzinfarktpatient*innen kann damit bereits während der Fahrt professionell geholfen werden. In NRW mit seinen 18 Millionen Einwohner*innen gibt es dreimal mehr Krankenhäuser als in den Niederlanden. Schleswig-Holstein hat viermal mehr Krankenhäuser als im gleichgroßen Dänemark. Den Menschen geht es in diesen Nachbarländern zumindest nicht schlechter als in Deutschland. Natürlich hat ein kleines Krankenhaus eine enorm identitätsstiftende Bedeutung für den ländlichen Raum. Es ist häufig der einzige größere Arbeitgeber für medizinisches Fachpersonal. Hier kann das scheinbare Auslaufmodell der DDR, die Poliklinik, ein interessanter Ansatz zur Strukturänderung und damit zur Zukunftssicherung werden. Polikliniken zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie Ärzt*innen einstellen dürfen, ohne dass die leitenden Mediziner*innen persönlich haften müssen. Sie genießen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Bestandsschutz. Neue Polikliniken dürfen nicht entstehen. Die persönliche Haftung und damit fehlende Arbeitgebende für anzustellende Ärzt*innen sind oft der Grund dafür, dass sich neue „Gesundheitszentren“ im ländlichen Raum nicht etablieren können. Dies einzufordern, stünde einer lösungsorientierten Kommunalpolitik besser als das krampfhafte Festhalten an der bestehenden Struktur.


(Foto: Privat)

Rolf Hartmann steuerte von 2004 bis Ende Oktober 2020 als Bürgermeister die Gemeinde Blankenheim.

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