Mittwoch, 28. September 2022

Dienstleistungsorientierung, New Normal und Digitalisierung.

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Wie meistern Beamte in Deutschland und der Ukraine diese Transformation?

Digital Government (dGovernment) betrachtet vorrangig soziale Aspekte der digitalen Transformation der Verwaltung. Auf Grundlage dieses Verständnisses verwenden die Autor*innen die Begrifflichkeit des Electronic Government (eGovernment), da dieser ebenso strategische, prozessuale als auch technische Veränderungsprozesse für die Verwaltung umfasst.

Die Digitalisierung behördlicher Prozesse und Leistungen verändert die Art und Weise, wie Verwaltungsbeschäftigte ihrer Arbeit nachgehen können und sollen nachhaltig. Die zunehmende private Nutzung digitaler Technologien in eigenen Haushalten und durch Unternehmen führt zu einer Veränderung der Anforderungen von Endnutzer*innen an die öffentliche Leistungserbringung. Diese Transformation hin zu einem stärker bürger*innenzentrierten digitalen Staat wird durch die Verabschiedung von Gesetzen und Verordnungen befördert. Verwaltungsbeschäftigte sind dabei nicht nur Empfänger*innen dieser vor allem extern getriebenen Veränderungsanforderungen, sondern auch für deren Umsetzung verantwortlich. Obgleich dieser kritischen Rolle haben ihre Perspektiven in der wissenschaftlichen eGovernment-Literatur bisher vergleichsweise wenig Beachtung gefunden. 

Zu Beginn des Jahres untersuchten Florian Lemke, Olia Popelyshyn (beide M.Sc. in eGovernance Technologies and Services der TalTech Universität in Estland) und Konstantin Ehrhardt (Masterstudent in Management & Public Policy an der HEC Paris und Freien Universität Berlin) daher, wie Mitarbeiter*innen der öffentlichen Verwaltung in Deutschland und der Ukraine aktuelle eGovernment-Initiativen wahrnehmen und sich gegenüber jenen positionieren. Hierfür wurden für eine vergleichende qualitative Studie 74 im eGovernment-Kontext wirkende Akteur*innen in der Ukraine und Deutschland befragt. Die Ergebnisse bieten erste Aufschlüsse über deren wahrgenommene Partizipation sowie Gründe und Ursachen für ihre Motivation oder Frustration im Kontext der Digitalisierung der staatlichen Leistungserbringung. 

Durch die aktuellen Initiativen in der Ukraine und die gesetzlich verankerte Initiative der OZG-Umsetzung in Deutschland hat sich die Rolle der öffentlichen Verwaltung verändert. Der öffentliche Sektor ist angehalten sich digital zu transformieren, um den neuen Anforderungen von Bürger*innen und Unternehmen gerecht zu werden. Moderne dienstleistungsorientierte Gesellschaften und Arbeitsweisen zeigen einen großen Einfluss auf die Entwicklung und Wahrnehmung der öffentlichen Verwaltung. Die Forderung nach einer nutzerzentrierten digitalen Verwaltung beeinflusst die digitale Transformation und hat einen starken Einfluss auf die Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeiter*innen im öffentlichen Sektor. Dies wird durch das New Normal – Working from Home, digitale Arbeitsplätze und Gleitzeit – unterstützt.

Die Antworten der Befragten unterstreichen die Unterschiede in den Ansätzen zur eGovernment-Implementierung in Deutschland und der Ukraine sowie in den persönlichen Einstellungen der Beschäftigten des öffentlichen Sektors. Haupttreiber der Digitalisierung ist in Deutschland die Regierung, während in der Ukraine die meisten Initiativen von zivilgesellschaftlichen Organisationen ausgehen. 

Für deutsche Regierungsbeamt*innen ist die berufliche Selbstverwirklichung fundamental. Ihre Motivation hängt von einem günstigen Arbeitsumfeld ab, in dem sie ihr Potenzial entfalten können, von der Fähigkeit, einen Beitrag zum Projekt zu leisten, von der Atmosphäre an ihrem Arbeitsplatz und von der Sichtbarkeit der Auswirkungen der Digitalisierung. Im Gegensatz dazu sehen sich ukrainische Beamt*innen vor allem durch eine angemessene finanzielle Entschädigung und andere soziale Hilfen motiviert. Bei den für ukrainische Nichtregierungs- sowie zivilgesellschaftliche Organisationen tätigen Akteur*innen wurde eine stärker intrinsische Motivation deutlich. Für sie ist es wichtig Erfolge in der Digitalisierung zu sehen sowie einen gesellschaftlichen Nutzen für die ukrainische Gesellschaft zu stiften.

Trotz der Unterschiede weisen die Befragten auf die zu beobachtenden Mängel im Prozess der Digitalisierung hin, die im öffentlichen Sektor beider Staaten gleichwohl zu beobachten sind. In Deutschland und der Ukraine führen mangelhafte Kommunikation und Kooperation zwischen Abteilungen und Institutionen – Silodenken – zu Inkonsistenzen bei der Umsetzung digitaler Initiativen. Nach Meinung der Befragten gibt es keine erreichbaren und umfassenden Digitalisierungsstrategien auf nationaler Ebene, die in die Umsetzungsebene hinein wirken. Aufgrund mangelnder Transparenz in den Digitalisierungsprozessen haben die Mitarbeiter*innen des öffentlichen Sektors nur begrenzte Möglichkeiten, sich einzubringen sowie ihr Wissen und ihre Expertise weiterzugeben, was ihren eigenen Wert in diesem Prozess mindert. Mitarbeiter*innen des öffentlichen Sektors in beiden Ländern haben geäußert, dass es ihnen an digitalen Kompetenzen und Klarheit über die neuen Prozesse mangelt, was sich auch auf ihr Vertrauen und ihre Produktivität bei der Arbeit mit den kürzlich eingeführten eServices auswirkt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle zuvor genannten Herausforderungen den Prozess der Digitalisierung verlangsamen und somit die Effizienz in der Umsetzung verringern.

Den vollständigen Artikel findet ihr in englischer Sprache online zugänglich in der Ausgabe 01/2021 der Zeitschrift “dms – der moderne staat – Zeitschrift für Public Policy, Recht und Management”. Für Fragen steht euch Florian Lemke, M.Sc. Eng. (florian.lemke@capgemini.com) gern zur Verfügung.

Florian Lemke ist Senior Business Analyst bei Capgemini in Berlin und promoviert zu Zukunftsthemen des eGovernment in Deutschland, der EU und Asien. Als Experte für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes in Deutschland setzt er sich für eine Dienstleistungsorientierte Verwaltung der Zukunft ein.

Olia Popelyshyn ist eine ukrainische Business Data Analystin die in Tallinn lebt. Sie hat eGovernment in Estland studiert und forscht zu Open Data. Sie analysiert, wie Daten die Bereitstellung von Onlineservices beeinflussen und hierdurch Transparenz geschaffen werden kann.

Konstantin Ehrhardt ist Masterstudierender im Doppelabschlussprogramm “Management & Public Policy” der École des Hautes Études Commerciales de Paris (HEC Paris) und Freien Universität Berlin. Er interessiert sich vor allem für politische Entscheidungsprozesse auf nationaler und supranationaler Ebene sowie die Umsetzung komplexer strategischer Vorhaben und das Management auftretender Herausforderungen an der Schnittstelle von Wirtschaft, Politik und Verwaltung.

Welche Handlungsempfehlungen die Autor*innen auf Basis dieser Analyse erarbeitet haben, könnt ihr nächste Woche hier lesen! 

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