Samstag, 18. Mai 2024

Stunksitzung: Darf es ein bisschen mehr sein?

Alaaf und Helau!

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Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg
Ann Kathrin Herweg ist Teil der Online-Redaktion, koordiniert das E-Journal und unterstützt digitale Veranstaltungen. Auch in ihrer Freizeit ist sie gerne auf Veranstaltungen unterwegs, dann aber als Kamerafrau oder Lichttechnikerin.

Erheblich politischer, viel inhaltlicher und deutlich wilder kommt sie daher: Die Stunksitzung wird häufig als Alternative zum traditionellen Karneval gehandelt. Doch ist sie das wirklich oder ist sie mittlerweile selbst zur Tradition geworden?

Soviel ist klar: der Name ist auf jeden Fall Programm. Stunksitzung ist eine Anspielung auf die klassischen Prunksitzungen der traditionellen Vereine, von denen man sich bewusst abgrenzt. Gleichzeitig ist „Stunk“ ein anderer Begriff für Gestank und macht deutlich, dass frei heraus besonders auch unangenehme bzw. kritische Themen angesprochen werden.

(Foto: Ansgar van Treeck)

Vieles erinnert auch bei der Stunksitzung an den traditionellen Karneval: Es finden Sitzungen statt mit Elferrat samt Präsidenten, die hauseigene Band Köbes Underground sorgt mit ihrer Musik für gute Laune und auch das Dreigestirn darf nicht fehlen. Soweit so gut. Und doch ist die Stunksitzung ganz anders als die traditionellen Veranstaltungen im Karneval. Was genau also macht die alternative Sitzung aus? „Sie ist eine Kabarettrevue mit Karnevalselementen“, bringt Sprecher Winni Rau das Konzept auf den Punkt. Es kommt zur Sprache, was die Menschen im vergangenen Jahr beschäftigt hat. Dazu werden gängige karnevalistische Formen gewählt. Typisch für die Stunksitzung ist beispielsweise die Umdichtung bekannter Lieder. So singt Winni Rau als Bauer des Dreigestirns statt „In the Ghetto“ auf der Bühne „Hinterm Gitter“ und aus Rammsteins „Sonne“ wird der Mülltrennungssong „Tonne“. Aber auch schauspielerisch begeistert das Ensemble Jahr für Jahr die Zuschauer*innen. Da trainiert Steffen Baumgart dann plötzlich nicht mehr der 1. FC Köln, sondern die Ampelregierung und Darth Vader wird zum Verteidiger alter Sprache im Krieg der [Gender-]Sternchen. Von internationalen Themen wie ganz aktuell dem Krieg in der Ukraine, bis hin zu lokalen wie dem Kölner Verkehrschaos finden hier verschiedenste gesellschaftliche Probleme ihren Platz.

(Foto: Ansgar van Treeck)

Natürlich lässt sich auch dem traditionellen Karneval nicht absprechen, dass in den Sitzungen immer wieder Politik und Weltgeschehen thematisiert werden. Jedoch nie in dem Ausmaß und mit der Schärfe wie es bei der Stunksitzung der Fall ist. Hier nimmt man kein Blatt vor den Mund. Warum auch?

Wie alles begann…

Werfen wir mal einen Blick zurück in die frühen 80er-Jahre. Während die ältere Generation fröhlich Karneval feierte, nahmen einige jüngere Kölner*innen nicht selten reiß aus. Koffer packen und ab nach Holland, daran erinnert sich auch Winni Rau, der von Anfang an dabei ist und bis heute als Bauer und Musiker auf der Bühne steht. Zu konservativ, bieder und langweilig war Karneval für die jungen Erwachsenen. Und auch noch geprägt von gesellschaftlichen Zwängen – bis heute gilt schließlich: wer sich in Köln einen Namen machen und Geld verdienen will, wer zur Elite gehören möchte, der engagiert sich im (traditionellen) Karneval. Doch so sollte es nicht weitergehen. Die Idee: eine andere Art zu feiern, ja eine eigene Veranstaltung ganz nach dem Geschmack der jungen Generation musste her – intelligent, anarchisch, wild. Gesagt getan. Ein Studierendenkollektiv der Fachhochschule Köln machte sich ans Werk und siehe da: die Stunksitzung war geboren.

Und die war vom ersten Moment an ein Erfolg. „Das Bedürfnis nach intelligentem Karneval war groß“, erinnert sich Winni Rau. Von da an wuchs und wuchs die Stunksitzung, die Veranstaltungen waren immer ausverkauft und sind es bis heute. Vor der Pandemie fanden jährlich rund 55 Veranstaltungen mit je 1.200 Zuschauer*innen statt. In diesem Jahr wollte man zunächst mit 35 Veranstaltungen aus der Corona-Pause zurückkehren. Nachdem bereits am ersten Vorverkaufstag 95 Prozent der Karten verkauft waren, stockte man aber auf 46 Veranstaltungen auf – alle schon seit Wochen ausverkauft.

Grenzenlose Unterhaltung

Ziel der Sitzungen ist nach wie vor die Gäste zu unterhalten und gleichzeitig Denkanstöße mit auf den Weg zu geben. „Es bleibt bei den Leuten, was sie damit machen“, erklärt Winni Rau. Aus seiner Erfahrung weiß er, dass die Leute die in Szenen und Liedern enthaltenen Gedanken und die oft sehr deutliche Gesellschaftskritik meist dankbar annehmen. Häufig sei bei den einzelnen Szenen eine stillschweigende Übereinkunft im Publikum zu spüren.

Ob Politiker oder Kirchenleute, sie alle kriegen in der Stunksitzung ihr Fett weg. Diese direkte Art des Ensembles kam in der Vergangenheit nicht immer gut an. „Es gab tatsächlich ein, zwei Mal Gerichtsverfahren“, erinnert sich Winni Rau. So sorgte beispielsweise eine Szene in einer Autobahnkirche für großes Aufsehen, genauer gesagt das gezeigte Kruzifix. Am Kreuz hing Tünnes, eine Figur aus der Kölner Kulturlandschaft. Passend dazu zierte sein Name das Schild am Kreuz, da wo normalerweise die die Inschrift „INRI“ zu lesen ist. Diese Inschrift auszutauschen ist allerdings verboten. Es kam, wie es kommen musste: In Kirchenkreisen sorgte die Szene für großen Aufruhr. Man rief dazu auf, den Fall zur Anzeige zu bringen. Also ging die Polizei der Sache nach, beschlagnahmte sogar das umstrittene Schild. Doch selbst das hielt das Ensemble in seinem Wirken nicht auf, zumal die Anzeige in einem Freispruch endete. Auch der WDR, der jährlich die Sitzung überträgt, übte zwischenzeitlich Selbstzensur und strich einzelne Szenen aus der Aufzeichnung.

Das Ensemble der Stunksitzung handelt genau so, wie es das für richtig hält. Das hat es immer getan. Mit den Reaktionen mussten die Mitglieder leben. Und manchmal auch Konsequenzen ziehen. So z.B. 2015. Kurz nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris brachte man in Köln das „Burka-Mariechen“ auf die Bühne. Die Konsequenzen folgten prompt: böse Mails und Drohungen aus islamistischen Kreisen. Man war in Alarmbereitschaft, doch man ließ sich auch diesmal nichts verbieten. Die Nummer blieb im Programm. Trotzdem nahm man die Situation ernst und sorgte für erhöhte Sicherheitsvorkehrungen auf den Veranstaltungen.

Auch Teil des Programms: Kardinal Wölki beim Teufel (Foto: Ansgar van Treeck)

Kein „Antikarneval“, aber eine beliebte Alternative

Das Team der Stunksitzung – ca. 22 Mitglieder, die ohne Hierarchie alles gemeinsam entscheiden und selbst die Betreiber der Stunksitzung sind, viele von Beginn an dabei – hat sich nie von kritischen Stimmen einengen lassen. Mittlerweile gibt es keine Drohschreiben mehr, kritische Stimmen sind weitgehend verstummt. Doch wer jetzt denkt, die Inhalte seien harmloser geworden, der liegt falsch. Beim WDR wie auch kirchenintern habe sich einiges getan, erklärt Winni Rau. Eine neuere Nummer wie die, in der Kardinal Wölki zum Gespräch bei seinem Arbeitgeber dem Teufel antritt, hätte vor 20 Jahren für deutlich mehr Aufsehen gesorgt, ist er überzeugt. Aber der ästhetische Zugang habe sich mit der Zeit geändert, die Gelassenheit sei größer geworden. So oder so – das Ensemble der Stunksitzung wird sicher auch in Zukunft nicht davor Halt machen, sich kritisch zu zeigen und gesellschaftliche Probleme offen und mit dem typischen Stunk-Humor auf die Bühne zu bringen.

In der Anfangszeit wurde die Stunksitzung und damit die junge Generation im Karneval von den traditionellen Vereinen als Bedrohung wahrgenommen. Mittlerweile hat sich die Situation verändert. Viele Menschen besuchen sowohl den klassischen Sitzungskarneval als auch die alternative Sitzung. Auch wenn hier einiges anders läuft, ein „Antikarneval“ ist die Stunksitzung definitiv nicht. „Die Leute kommen, um Karneval zu feiern“, betont Winni Rau. Aus dem Kölner Karneval ist die alternative Sitzung nicht mehr wegzudenken. Sie zählt zwar nicht zu den traditionellen Veranstaltungen, Tradition geworden ist sie dennoch.

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