Freitag, 31. März 2023

Digitale Transformation der Gesellschaft – Teil V

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Digitale Transformation des Krieges und der Medizin

Im fünften und letzten Beitrag unserer Reihe zur Digitalen Transformation der Gesellschaft wollen wir uns mit zwei Themenfeldern beschäftigen, die nicht weiter voneinander entfernt liegen könnten, nämlich mit der Digitalen Transformation des Krieges und der Medizin. Für den Militärtheoretiker Carl von Clausewitz war der Krieg „ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ – und so, wie der Krieg folglich durch Gewalt die Gesundheit der Menschen schädigt, ist es das Ziel der Medizin, diese Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen. Gleichwohl sehen wir in beiden Bereichen massive digitale Transformationsprozesse, die wir nachfolgend etwas in den Blick nehmen wollen.

Digitale Transformation des Krieges

In unserem Beitrag zur Digitalen Transformation des öffentlichen Sektors haben wir den Begriff Digital Government eingeführt, mit dem integrierte digitale Plattformen und Prozesse bezeichnet werden. Auch in militärischer Hinsicht gibt es eine ähnliche Tendenz zur digitalen Integration und Vernetzung, etwa das digitale Gefechtsfeld. Ziel ist es hierbei, die von den unterschiedlichen Streitkräften – zu Land, zu Luft und zu See – eines Militärs übersandten und gesammelten Daten zu erfassen und zu verknüpfen, um darauf aufbauend ein großes und integriertes Lagebild zu erstellen – teilweise auch gläsernes Gefechtsfeld genannt. Ein Projekt aus der konkreten Praxis der Bundeswehr zu einer solchen digitalen militärischen Integration ist etwa die Harmonisierung der Führungsinformationssysteme, mit der die bereits bestehenden Führungsinformationssysteme der einzelnen Streitkräfte harmonisiert und serviceorientiert ausgerichtet werden. Dadurch, so die Hoffnung, soll auch in der Zukunft die verteidigungspolitisch umfassende Handlungsfähigkeit des Militärs gewährleistet werden.

Daneben erfasst die Digitale Transformation des Krieges auch die einzelnen Waffensysteme selbst, insbesondere in Gestalt von autonomen Waffensystemen. Der Begriff der autonomen Waffensysteme lässt sich allerdings nicht durch eine einzige Definition bestimmen, vielmehr gibt es Abstufungen, die sich am konkreten Grad der Autonomie orientieren. Ein inzwischen weit verbreiteter Ansatz unterteilt die autonomen Waffensysteme in folgende drei Kategorien: human in the loop, human on the loop, human out of the loop. Erteilt ein Mensch dem Waffensystem einen Befehl, der sodann ausgeführt wird, spricht man vom human in the loop, weil es nur der Mensch ist, der die Kontrolle ausübt und der sich „in der Schleife“ befindet; in diesem Fall ist Autonomie de facto nicht gegeben. Überwacht hingegen der Mensch lediglich das Handeln des Waffensystems und greift nur in Einzelfällen ein, um sein Verhalten zu korrigieren, dann wird dies mit human on the loop bezeichnet – der Mensch sitzt „auf der Schleife“, überlässt dem Waffensystem weitgehend Spielraum und „überstimmt“ es nur im Ausnahmefall; der Grad an Autonomie ist bei solchen Systemen wesentlich größer. Agiert ein Waffensystem jedoch völlig eigenständig und ohne nennenswerte Mitwirkung eines Menschen, befindet sich der Mensch also „außerhalb der Schleife“, dann ist die Rede von human out of the loop – das Waffensystem handelt hier maximal autonom.

Bei dem Begriff der autonomen Waffensysteme mögen dem einen oder der anderen vielleicht Bilder von Robotern vor dem inneren Auge erscheinen, die – ähnlich dem Terminator – mit dem Gewehr im Anschlag über das Schlachtfeld der Zukunft marschieren. Zwar sind wir davon aktuell noch weit entfernt, doch spielen Roboter beim digital transformierten Krieg sehr wohl eine Rolle, wenngleich auf eine äußerst überraschende Art und Weise. Inzwischen gibt es nämlich zahlreiche Berichte über die starken emotionalen Bindungen, die Soldat*innen gegenüber ihren Roboterkameraden entwickeln. So werden Roboter etwa verstärkt in der US-amerikanischen Kampfmittelabwehr eingesetzt – und bekommen von ihren menschlichen Kamerad*innen teils gar das Purple Heart verliehen, eine Auszeichnung der US-amerikanischen Streitkräfte für die Verwundung oder den Tod im Einsatz. Besonders anschaulich wird diese emotionale Reaktion des Menschen auf den Militärroboter am Beispiel eines Versuchs, bei dem ein Roboter in Gestalt eines Hundertfüßers auf einem Testgelände Minen aufspüren und zur Detonation bringen sollte. Im Laufe des Versuchs spürte der Roboter tatsächlich zahlreiche Minen auf und sprengte sie in die Luft – meist unter Verlust von immer mehr seiner Gliedmaßen. Während der leitende Wissenschaftler seine Begeisterung über den aus seiner Sicht erfolgreichen Versuch kaum zügeln konnte, ließ der seitens des Militärs zuständige Oberst der US-amerikanischen Streitkräfte den Versuch irgendwann abbrechen – er könne die Tragik, die im Anblick der verbrannten und verkrüppelten Maschine liege, nicht ertragen; der Versuch, so der Oberst, sei inhuman.

Ähnlich wie beim digital transformierten ökonomischen Sektor, bei dem nicht nur analoge Geschäftsmodelle digital abgewickelt werden können sondern auch rein digitale Geschäftsmodelle möglich sind, haben wir beim digital transformierten Krieg einen Bereich, der ausschließlich in der Digitalen Welt stattfindet und teilweise mit dem Begriff Cyberkrieg bezeichnet wird. Der Cyberkrieg ist also – die Definition des Krieges im Eingangsabsatz vorausgesetzt – ein digitaler Akt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. Hierbei sind ganz unterschiedliche Maßnahmen denkbar, allen voran natürlich digitale Angriffe auf diejenigen IT-Systeme, durch die überhaupt erst ein digitales Gefechtsfeld ermöglicht wird. Denn in dem Maße, in dem ein digitales Gefechtsfeld einen militärischen Vorsprung verspricht, sind die zugrunde liegenden Informationssysteme neuralgische Punkte und damit prominente Ziele einer Cyberattacke. Daneben sind nicht-militärische Ziele des Gegners gleichermaßen denkbare Ziele eines Cyberangriffs, etwa die IT-Systeme von Kraftwerken, Krankenhäusern oder anderen kritischen Infrastruktureinrichtungen. Natürlich wird der Cyberkrieg die herkömmliche analoge Kriegsführung nicht ersetzen, er könnte sich jedoch zu einer höchst effektiven flankierenden Maßnahme entwickeln, die aus den künftigen Kriegen nicht mehr hinweggedacht werden kann.

Aus diesem Grund ist für den digital transformierten Krieg ein Bereich besonders wichtig, der nicht nur im militärischen Kontext eine Rolle spielt, nämlich die Cyberresilienz, also die Widerstandskraft und Ausfallsicherheit von IT-Systemen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das Internet – die Grundlage unserer gegenwärtigen Digitalen Welt – letztendlich aus einem gigantischen Projekt zur Cyberresilienz entstanden ist. Denn Vorläufer des Internet war das sogenannte Advanced Research Projects Agency Network, kurz ARPANET, das während des Kalten Krieges entwickelt wurde. Ziel dieses Projekts war ein dezentrales Kommunikationsnetzwerk, das selbst dann noch militärische und sonstige sensible Informationen weiterleiten konnte, wenn Teile davon durch Nuklearschläge vernichtet wurden. Dieser dezentrale Charakter ist gleichermaßen ein Wesensmerkmal unseres aktuellen Internets. Heutzutage ist Cyberresilienz stark verzahnt mit der IT-Sicherheit an sich, weshalb es wohl angemessener ist von militärischer IT-Sicherheit zu sprechen. Jedenfalls gibt es in Deutschland sogar das Nationale Cyber-Abwehrzentrum, das eine Kooperations-, Kommunikations- und Koordinationsplattform der relevanten Sicherheitsbehörden darstellt und bei dem auch die Bundeswehr Mitglied ist.

Zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken (Grafik: Kira Obergöker, Berenike Kücker)

Digitale Transformation des Gesundheitssektors

Betrachtet man die Berichte und Meldungen über Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI), so scheint es zu den wichtigsten Aufgaben der KI zu gehören, Katzenbilder von Nicht-Katzenbildern zu unterscheiden. Doch liegt diesen amüsanten und unterhaltsamen Beispielen ein Mechanismus zugrunde, der in ganz und gar ernsthaften medizinischen Situationen zum Einsatz kommen kann, nämlich in der medizinischen Diagnostik. KI-Programme, die – abhängig von den jeweils relevanten Merkmalen – eine Menge von Objekten in zwei oder mehrere Kategorien unterteilen können, nennt man Klassifizierer. Die Klassifizierer lernen meist mithilfe der machine learning-Technologie, bei der das System in unzähligen Trainingsdurchläufen mit Trainingsdaten lernt und auf diese Weise eigenständig in die Lage versetzt wird, die nötigen Klassifizierungen erfolgreich durchzuführen. Interessant ist dabei, dass die KI diejenigen Merkmale, anhand deren sie die Klassifizierungen durchführt, selbständig im Zuge des Trainings herausfindet. Das kann durchaus zu überraschenden Ergebnissen führen, wie etwa bei einem Bild-Klassifizierer, der Fischbilder von Nicht-Fischbildern unterscheiden sollte und dessen Unterscheidungsmerkmal die Fingerspitzen der Personen waren, die auf den Bildern die Fische in die Kamera gehalten hatten. Auch bei der medizinischen Diagnostik geht es letztendlich um eine Klassifizierung auf der Grundlage einer Mustererkennung auf den jeweiligen Bildern – und die Erfolgsquoten sind hoch und vielversprechend; auch wenn stets sichergestellt werden muss, dass nicht völlig fremde Kriterien für eine ernstzunehmende Diagnose von der KI herangezogen werden.

Der Einsatz der KI für die medizinische Diagnostik ist eine unterstützende Maßnahme einer in weiten Teilen (noch) analogen Medizin. Daneben gibt es weitere digitale Anwendungen zur Unterstützung der Behandlung und der Betreuung von Patient*innen, die gemeinhin unter dem Oberbegriff E-Health zusammengefasst werden. Damit ist zunächst einmal die zugrunde liegende IT-Infrastruktur gemeint, die im medizinischen Kontext Telematikinfrastrktur genannt wird. Auf dieser Telematikinfrastruktur bauen die restlichen Anwendungen auf, etwa die elektronische Gesundheitskarte, die elektronische Patientenakte oder das E-Rezept. Eine Vision für die Zukunft sind ganz allgemein Digitale Gesundheitsanwendungen und Digitale Pflegeanwendungen. Eine gesetzliche Initiative zur Verwirklichung dieser Vision ist etwa das Digitale-Versorgung-Gesetz vom 19. Dezember 2019, dessen Ziel es unter anderem ist, die Telematikinfrastruktur sowie die Telemedizin zu stärken.

Ein besonders innovativer Ansatz der digital transformierten Medizin sind Serious Games, bei denen Funktionsweisen und Mechanismen von Computerspielen in einen „ernsthaften“ medizinischen und therapeutischen Kontext übertragen werden sollen. Ein bekanntes Beispiel, das es sogar in den kommerziellen Massenmarkt geschafft hat, sind Fitness-Armbänder. Je nach Ausführung messen sie verschiedene Vitalwerte und erfassen unsere körperlichen Aktivitäten, etwa die Anzahl der von uns zurückgelegten Schritte. In den jeweiligen Apps oder den entsprechenden Homepages können wir unsere gesundheitlichen „Leistungen“ dann mit anderen Menschen vergleichen – und werden aufgrund des hierdurch befeuerten Konkurrenzdenkens zu einem noch gesünderen Verhalten motiviert. Dieser als Belohnungssystem bekannt gewordene psychologische Mechanismus wird seit Langem bei Computerspielen verwendet, insbesondere bei Rollenspielen, wo der Levelaufstieg und die Verbesserung des eigenen Spiele-Charakters ein zentraler Aspekt ist. Diese und ähnliche Mechanismen werden deshalb gerne als Gamification bezeichnet, die wiederum eine Unterkategorie des Wissenschaftsfeldes Persuasive Technology ist.

Ein besonders spannendes Feld der Serious Games ist der Einsatz von Virtual Reality zu therapeutischen Zwecken. So wurde an der University of Washington in Seattle das Serious Game Snow World entwickelt und bereits erfolgreich zur Schmerztherapie bei schweren Verbrennungen eingesetzt. Die Patient*innen tauchten dabei in eine künstliche Schnee- und Eislandschaft ein und mussten Schneebälle auf Ziele werfen – währenddessen wurden ihre Verbände gewechselt. Dadurch konnte das Schmerzempfinden der betroffenen Personen teils um die Hälfte reduziert werden.

Noch weit in der Zukunft liegen demgegenüber Pflegeroboter, die unterschiedlichste Aufgaben eigenständig erledigen können sollen – von der Verabreichung von Medikamenten bis hin zur Abstellung lebenserhaltender Maßnahmen. Eine besondere Herausforderung stellt hierbei die moralische Abwägung dar, die solche eigenständig agierenden Pflegeroboter im Ernstfall anstellen müssen. Hier setzen innovative Ansätze der Maschinenethik an, bei der es darum geht Robotern und anderen Maschinen ein ethisch verantwortliches Handeln beizubringen bzw. zunächst einmal die hierfür erforderlichen theoretischen Grundlagen zu schaffen. Gleichzeitig eröffnet der mögliche Einsatz von Pflegerobotern eine völlig andere ethische Fragestellung. Es ist nämlich schon seit langem bekannt, dass Menschen auf menschlich wirkende Roboter äußerst empathisch reagieren können – einschließlich der hierzu nötigen Reaktion unserer Spiegelneuronen. Sollen also Pflegeroboter künftig besonders menschlich aussehen, damit die teils äußerst vereinsamten zu pflegenden Menschen sich nicht mehr ganz so alleine fühlen?

Ausblick

Sowohl die Zukunft des Krieges als auch die Zukunft der Medizin werden massiv digital transformiert werden, selbst wenn wir aktuell nicht alle digitalen Wege sehen können, die sich uns hier künftig auftun werden. Doch ist es beruhigend zu wissen, dass die Digitale Transformation sich nicht nur auf den Bereich beschränken wird, der Menschen verletzen kann, sondern gleichermaßen den Bereich im Blick hat, der sich die Heilung des Menschen auf die Fahnen geschrieben hat.

Prof. Dr. Maximilian Wanderwitz ist Professor für Wirtschaftsrecht, insbesondere das Recht der Informationstechnologie, an der Hochschule Trier, Umwelt-Campus Birkenfeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind “Legal Tech” sowie “Recht und Ethik in der Digitalen Welt”. Als Instrument seiner individuellen professoralen Forschung hat er unlängst das Forschungsnetzwerk Gesellschaft für Recht und Ethik in der digitalen Welt gegründet. Link zur Gesellschaft “hier klicken”.

Kira Obergöker ist Studentin der Umwelt- und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Trier, Umwelt-Campus Birkenfeld.



Berenike Kücker ist Studentin der Umwelt- und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Trier, Umwelt-Campus Birkenfeld.



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